Meine Mutter und Ich

Anfang
An einem tristen Wintertag sass ich vor meinem neuen PC und dachte mir:
Es wäre doch keine schlechte Idee, die vergangenen Jahrzehnte mit all ihren Erlebnissen, Begebenheiten und Ereignissen am Computer festzuhalten, vielleicht auszudrucken und dann- wie in einem Buch- zu lesen, was in dieser langen Zeit so alles passiert ist.
Ich gebe zu, dass ich meine Heimat, das schöne Erzgebirge, auch heute noch nicht vergessen kann und oft an die Zeit, die ich dort verbrachte, zurückdenke.
Was hat sich doch im Lauf der Zeit geändert.
Für mich war es eine miterlebte Revolution. Einmal in der Woche flog ein Propellerflugzeug der tschechischen Armee über unsere Stadt, - für uns eine Attraktion und wert, um auf die Strasse zu laufen und hochzuschauen. Heute fliegen riesige Düsenflugzeuge mit vielen Passagieren an Bord nach allen Erdteilen und in alle Städte unserer Erde. Wenn damals ein Zeppelin gefahren kam, rannten wir alle auf die Strasse, verrenkten uns das Genick und bestaunten das Ungetüm, denn das war eine Sensation und nicht oft zu sehen.
Wenn ich diesen Luftfahrzeugen mit grossen Augen hinterher sah, hätte ich mir nie träumen lassen, selbst mal durch die Luft zu fliegen.
Ich musste zwar etwas mehr als drei Jahrzehnte darauf warten, desto schöner und aufregender wars dann aber, als ich mit meinem jüngsten Sohn Thomas im Bayernurlaub einen Rundflug mit einer einmotorigen Maschine über den Bayrischen Wald machte. Dabei konnte ich feststellen, dass Landesgrenzen, -sonst streng bewacht, kontrolliert und mit etlichen Unannehmlichkeiten für Ein-und Ausreisende versehen, -nicht mehr existierten?
(getreu dem Motto: " Über den Wolken muss die Freiheit wohl grenzenlos sein")
Zu meinem 60. Geburtstag bekam ich von meiner Familie eine Fahrt mit einem Freiballon geschenkt. Dieses Gefühl des Schwebens, des Losgelöstseins, der absoluten Stille, - nur ab und zu unterbrochen vom Geräusch des Gasbrenners, - kann man nicht richtig beschreiben, das muss man selbst erlebt haben.
ICH HABE ES!
In meiner Kinderzeit war unsere einzige Informations- u. Unterhaltungsquelle ein Röhrenradio, Marke Volksempfänger, das mit einem Akku betrieben wurde. Diesen musste ich jede Woche zum Aufladen ins Elektrogeschäft nach Komotau, unserer Bezirkshauptstadt, bringen. Mehr als zwei Stunden Musik und/ oder Nachrichten pro Tag waren da nicht drin, sonst wäre der Akku zu schnell leer gewesen. Das einzige, was wir regelmässig hörten, war das Sonntagskonzert mit böhmischer Blasmusik, das Vater immer einschaltete. Das war nun mal unsere Lieblingsmusik.
Heute besitzt fast jeder eine Stereoanlage mit CD-Spieler, einen Walkman, Fernseher, ein Auto, Roller und ein tolles Fahrrad -auch ich. Wir empfangen Musik- u. Fernsehsendungen über Satellit. Amerikaner natürlich - sind als erste Menschen auf dem Mond gelandet, in Japan wurde - mit verheerenden Folgen -durch eine Atombombe der 2. Weltkrieg beendet. Stundenlang könnte ich so weitermachen in meiner Aufzählung. Was heute ganz normal ist, wäre damals eine Sensation gewesen.
Zu meinem 10. Geburtstag bekam ich von meinen Eltern ein Fahrrad geschenkt und war damit der King bei meinen Freunden, ganz abgesehen von den Geschäften, die ich damit machte:- So kostete z. B. eine Runde auf meinem Rad mind. fünf Murmeln oder ein kleines Taschenmesser oder eine Zwiesel ( Spatzenschiesser ) oder, oder. . . Noch nie zuvor war ich so " reich" gewesen.
Heute sitze ich am Computer, einem Hochleistungsgerät und schreibe an meinen Erinnerungen. Als Kind hätte ich mir nie träumen lassen, dass es mal so ein Gerät geben, ich vor einem solchen sitzen und noch viel weniger, dass ich selbst eines besitzen würde.
Viele Ereignisse, Erlebnisse und Geschichten aus meiner Jugend, lustige und traurige, aber auch weltbewegende,
z. B die gewaltlose Trennung von der tschechischen Republik, der Beginn des 2. Weltkrieges, die Kriegsjahre ohne Vater, ziehen in Gedanken an mir vorbei. Die Zeit nach dem Krieg, als die tschechischen Revolutionstruppen ins Sudetenland kamen und uns aus den Wohnungen vertrieben, anschliessend die Zeit im Durchgangslager in Weipert, wo man uns fast jeden Tag filzte, (bis es irgendwann nichts mehr zu filzen gab) Letztendlich die endgültige und nicht mehr zurücknehmbare Vertreibung aus unserer Heimat.Dies alles sind Ereignisse und Begebenheiten, die, so glaube ich, es wert sind, irgendwie festgehalten zu werden.
Frohe, aber auch traurige Erinnerungen aus meinem Leben ziehen in Gedanken an mir vorüber, Ereignisse, die Jahrzehnte in mir ruhten.
Also liess ich mir von meinen Kindern und Enkeltöchtern erklären, wie ich diese Ereignisse und Begebenheiten am Computer festhalten und später eventuell weiterverarbeiten konnte.
Zwar stehe ich immer noch ziemlich am Anfang, aber ich komme der Sache schon näher, auch mit der Tastatur komme ich schon ganz gut zurecht. - Übung macht den Meister -
Hier ist nun das Ergebnis, das an vielen Winterabenden, aber auch an sonnigen und heissen Sommertagen zustande kam.
Es ist mir bewusst, dass ich vieles, was im Lauf meines Lebens geschehen ist, nicht mehr so genau nachvollziehen kann und dass ich wahrscheinlich auch etliches vergessen habe oder mich nicht mehr exakt daran erinnern kann.
Vor allem die Zeitdaten machen mir doch etwas zu schaffen. Doch ich werde versuchen, alles so gut wie möglich niederzuschreiben.
E. Hahn
- Badespaß
- beim Bäcker
- beim klöppeln zugeschaut
- Biegeis
- Das Haus am Bahndamm (neu)
- der getupfte Schimmel
- der Leierkastenmann
- Ein schöner Sommernachmittag
- eine Bobfahrt
- Eishockeycracks
- Endlich richtige Schneeschuh (neu)
Das Haus am Bahndamm
Nachdem mein Vater bei der Deutschen Reichsbahn seine Prüfungen abgelegt und bestanden hatte, bekamen wir eine Dienstwohnung auf dem Bahnwärterhaus in der Nähe des Bahnhofs Pressnitz-Reischdorf zugewiesen.
Es stand ungefähr dreihundert Meter vom Bahnhof entfernt, und war das größte der hier oben stehenden Häuser. Es hatte vorher zwei Familien als Wohnung gedient und gehörte nun unserer Familie allein. Abgesehen davon, dass das Bahngleis direkt an der Haustür vorbei führte, war es sehr schön, hier zu wohnen. Dazu muss ich noch sagen, dass die Bahnstrecke von Weipert nach Komotau nur eingleisig war und auch nicht sehr viele Züge fuhren. Und an diese paar Züge hatten wir uns schnell gewöhnt. Ein Wohnzimmer gab es zwar nicht, doch die Wohnküche war sehr groß und bot uns reichlich Platz zum Kochen, Essen und Zusammensein,- auch wenn Besucher zum Hutzn kamen, die dann in Eintracht auf der Ofenbank um den großen Kachelofen saßen. Sie war im Winter der schönste und wärmste Platz im Haus. Es gab drei schöne Schlafzimmer und einen verhältnismäßig großen Vorraum, wo sich unsere Olmit, d.h. der Vorratsschrank befand. In diesem großen Schrank hielt Mutter ihre Schüsseln mit Milch kühl, die dicke Milchhaut, die sich drauf gebildet hatte, war ein Leckerbissen. Außerdem waren da drin noch andere feine Sachen zu finden, sodass ich diesem Schrank öfters einen Besuch abstattete. Natürlich merkte Mutter das, doch über diese Nascherei sah sie großzügig hinweg. Unser Wasser zum Kochen und Waschen holten wir uns von der Brunnenleitung, die sich im Hof befand. Das Wasser kam vom Hassberg und war sehr gut. Da das Haus am Hang gebaut war, hatten wir zwei Etagen zur Verfügung. In der oberen wohnten wir und im unteren Bereich mit seinen zwei großen Räumen hatten mein Bruder und ich viel Platz zum Spielen und für andere Sachen, z. B. dafür zu sorgen, dass immer Feuerholz da war. Da unten konnten wir uns mit Hacken und Sägen reichlich austoben. Während zweier Kriegsjahre hatte mein Onkel, der in Chemnitz wohnte und beim NS- Kraftfahrkorps war, zeitweilig im zweiten Raum sein Motorrad, eine tolle NSU, eingestellt. Er hatte Bedenken, dass es ihm die Wehrmacht konfiszieren könnte. Natürlich mussten mein Bruder und ich ausprobieren, wie die Maschine lief. Es dauerte zwar eine Weile, bis wir dahinterkamen, aber eines Tages hatten wirs doch geschafft. Auch wenn Mutter mit uns schimpfte, wenn die Abgaswolken aus den Fenstern wehten, starteten wir das Motorrad so lange, bis eines Tages das Benzin alle war. Wie heißt es so schön: Nun hatte der A … Feierabend. Ganz in der Nähe befand sich die Eisenbahnbrücke, die die Straße Komotau - Weipert überspannte. Von dieser Brücke ließen wir ab und zu unsere Gänse zum Flug in Richtung Pressnitz starten. Leider mussten wir dann nach Pressnitz laufen, um sie wieder zurückzuholen. Auf Straßenhöhe befand sich ein großer Hof mit zwei festen Holzschuppen, in denen wir landwirtschaftliche Geräte und später zwei Pferde unterbrachten. Gegen Kriegsende war im oberen Teil der Schuppen das Waffenlager der Gebrüder Hahn, denn wir sammelten alles, was die Soldaten auf dem Rückzug an Waffen fortwarfen. Im Haus gab es auch noch einen Heuboden, der sich im Winter gut zum Spielen eignete. In dem Heu, das wir da oben lagerten, ließ es sich herrlich herumtoben. Unsere Schulfreunde wussten das und kamen oft zu uns. Öfters war auch Emma, die Tochter unserer Nachbarin, mit ein, zwei Freundinnen mit dabei. Wir trieben es oft so toll, dass sich Mutter einschaltete, weil ihr das Geschrei zu viel wurde. Vater hatte ein gutes Verhältnis zu den Lokführern und so hielt an bestimmten Tagen ein Güterzug bei uns, der uns mit heißem Wasser versorgte. Eine alte Blechbadewanne stand schon bereit, desgleichen noch andere Behälter, z.B.ein Schaffel aus Zinkblech, so dass wir mit Eimern die heiße Brühe nur noch ins Haus bringen mussten. An solchen Tagen war dann die Badesaison eröffnet. Durch die viele Plantscherei sah es dann im Haus wie in einer Schwimmhalle aus. Anschließend wusch Mutter dann auch die Ration Wäsche, die sich angesammelt hatte. Und die war reichlich, denn wir Lausbuben kamen oft ziemlich dreckig heim. Der Weg zur Schule ins Oberdorf machte uns im Sommer nicht viel aus, es gab ja so viel zu sehen, aber im Winter mussten wir, mit dem Schulranzen auf dem Buckel, auf den Skiern zum Unterricht fahren. Dort kamen wir dann meistens nass und durchgefroren an und durften uns eine Weile vor den großen Heizofen stellen, um uns etwas aufzuwärmen. In dieser Beziehung hatte Stampfl, unser alter Oberlehrer, ein Herz für uns. Irgendwann hatte die Reichsbahn sich durchgerungen, das Haus mit Elektrizität zu versorgen. Vom Bahnhof bis zu uns wurden Masten mit Stromleitungen gesetzt, so dass wir nun endlich auch Strom hatten. Allerdings hatte dies auch gewisse Nachteile. Denn wenn sich im Winter das Wetter änderte, belegten sich die Leitungsdrähte mit Eis und das musste mit langen Holzstangen abgeklopft werden. Na ja, und wer musste das wohl machen? Natürlich wir zwei älteren Brüder. Ab und zu brach auch mal ein Leitungsdraht und musste vom Elektriker, der aus Pressnitz kam, repariert werden. Als dann gegen Kriegsende die ersten Flüchtlingstrecks aus Schlesien und Ostpreußen bei uns ankamen, standen immer öfter zwei oder drei Pferde in den Schuppen im Hof. Einmal kam ein Offizier zu Mutter und bat sie, sein Pferd für eine kurze Zeit einstellen zu dürfen. Natürlich sagte Mutter nicht Nein und so kam es, dass mein Bruder und ich auf einmal ein wunderschönes Reitpferd , einen Apfelschimmel, besaßen. Nebenbei bemerkt: Den Besitzer sahen wir niemals wieder,- vielleicht war er schon tot. Zum Haus gehörten zwei schöne Wiesen, wo mein Bruder und ich Futter für die Tiere mähten. Immerhin hatten wir einige schöne Stallhasen und zeitweilig zwei Ziegen, die ja auch etwas fressen wollten. Vater hatte uns den Umgang mit der Sense beigebracht und so hatten wir kein Problem mit der Futterbeschaffung. Außer den zwei Wiesen gehörte auch noch ein Stück Acker zum Haus, auf dem Vater Klee ausgesät hatte, auf den die Viecher besonders scharf waren. Und etwas abseits davon hatten wir unseren Kartoffelacker, von dem wir unsere geliebten Knollen bezogen. Zum Wald, aus dem wir uns Pilze, Schwarz u. Preiselbeeren holten, war es auch nicht zu weit, was uns Buben nur recht war und wenn wir dann abends, von zahllosen Mücken verstochen, die Mäuler schwarz von den Beeren, die wir gegessen hatten, zu Hause ankamen, waren alle zufrieden. Oft waren unsere Schulfreunde bei uns zu Gast, am häufigsten Helmut und Walter Schlosser, die nicht weit von uns entfernt wohnten. Die Zwei waren auch dabei, als wir in Richtung Komotau losmarschierten, um uns den abgeschossenen Amibomber anzusehen, der dort im Wald auf einem Abhang lag. Den Anblick der beiden verbrannten Piloten konnten wir so schnell nicht vergessen. Der eine saß noch hinter seinem Maschinengewehr, als wollte er jeden Moment abdrücken. Nicht vergessen sind auch die Ohrfeigen, die es nach unserer Rückkehr gab. Denn natürlich waren wir abgehauen, ohne Mutter was zu sagen. Bevor wir uns auf den Heimweg machten, schnitten wir uns – natürlich hatten wir alle Taschenmesser- aus einem der mehr als mannshohen Räder, das noch erhalten war, ein großes Stück Gummi heraus. Den brachten wir zu unserem Schuster, der damit unsere Schuhe besohlte. Wenigstens etwas hatten wir doch mitgebracht von unserem Ausflug. Die Erinnerung an die Piloten in ihren Kanzeln war noch gut in unseren Köpfen, als wir uns am Abend mit Mutter darüber unterhielten. Jedenfalls verlebten wir noch eine ganze Weile hier oben auf der Höhe und es hätte ruhig so weitergehen können, wenn wir nicht aus unserer Heimat vertrieben worden wären.
Eduard Hahn
Kirschen vom Land
Der Krieg war vorbei und Deutschland hatte ihn verloren. Es war also ganz logisch, dass wir, die Zivilbevölkerung, die Rechnung bezahlen musste. Nachdem die tschech. Revolutionsgarde, ein wüster Haufen von ehemaligen Knastologen, in unseren Bahnhof eingezogen war, um sich dort im ehemaligen Warteraum heimisch niederzulassen, bezahlten auch wir in unserem Dorf reichlich.
Wir konnten es zuerst nicht glauben, dass diese Leute Soldaten sein sollten, doch leider stimmte es.
Kein einziger von ihnen trug eine vollständige Uniform, sondern nur Teile davon.
Aber schwer bewaffnet waren sie alle. Ihre Standardausrüstung bestand aus russischen Kalaschnikows plus tschechischen Pistolen. Fritz hatte mit einem von den Revolutionären, der einigermaßen deutsch sprach und sich auch sonst nicht so übel benahm wie seine Spießgesellen, Kontakt aufgenommen und meinte, es wäre nur von Vorteil, wenn wir uns einen von diesen Typen etwas warm hielten.
Deshalb war er auch gar nicht abgeneigt, an einer kleinen Demonstration, betr. tschech. Können teilzunehmen.
Einer der Gardisten fragte nämlich Fritz, ob er mal mit einem richtigen Gewehr schießen wolle.
Das war für uns doch ziemlich überraschend, weil sonst jeder, der mit einer Waffe erwischt wurde, erschossen werden konnte. Und jetzt wollte man uns ein Gewehr in die Hand geben – das war schon komisch.
Ich war zwar dagegen, doch Fritz gab keine Ruhe, bis ich nachgab.
Nachdem der Mann ein Gewehr geholt hatte, erklärte er uns, wie geladen, gezielt und abgedrückt wurde und gab Fritz die Donnerbüchse. So, wie die Waffe aussah, handelte es sich bestimmt um einen deutschen Karabiner aus dem ersten Weltkrieg. Fritz suchte sich ein Ziel jenseits der Bahngleise, wo viele Rundhölzer in verschiedenen Längen und Stärken fix und fertig für den Abtransport lagerten.
Nach langem Zielen und reichlich Wackelei drückte er endlich ab. –
Ein unheimlich lauter Knall und ein fast ebenso lauter Schrei von Fritz waren die Folge.
Das Gewehr flog in weitem Bogen fort, während Fritz wie ein Indianer beim Kriegstanz herum sprang und sich mit beiden Händen die Backe hielt. - Was war passiert?
Keiner von den Ärschen hatte uns darüber aufgeklärt, dass der alte Donnerbolzen einen unheimlich starken Rückschlag hatte und man ihn ganz fest an die Schulter pressen musste, damit er beim Rückschlag keine Verletzungen verursachte. – Nun hatte Fritz das Malheur. Als Erstes spuckte er einen Zahn aus und dann konnte man zusehen, wie sein Backen anschwoll. Dann fing er an zu fluchen - und das reichlich und ohne Rücksicht darauf, ob ihn die Tschechen verstanden. Der Kerl, mit dem wir uns am besten verstanden, hob das Gewehr auf und erklärte mir, wie man es am besten halten musste, um den Rückschlag weitgehend abzufangen.
Doch ich wollte nichts mehr von Schiessen wissen und lehnte ab, was der Mann gut verstand.
Dann meinte er, er wolle etwas gutmachen und lud uns ein, an einer Fahrt nach Kaaden teilzunehmen.
Dort wollten sie Kirschen holen. Bei uns im Gebirge gabs keine und wenn wir welche wollten, mussten wir sie vom Land, wie wir die Gegend am Fuß des Erzgebirges nannten, holen.
Einen Wagen und zwei Pferde hatten die Männer auch schon organisiert. Das war eine ihrer leichtesten Übungen, denn wenn man bewaffnet ist, bekommt man fast alles.
Und um größeren Unannehmlichkeiten aus dem Weg zu gehen, wehrte sich niemand gegen diese Raubzüge, bei denen oft auch noch Eier, Butter, Fleisch und was es sonst noch bei den Bauern gab, requiriert wurde.
Am Wochenende fuhren wir mit vier Soldaten los und harrten der Dinge, die da auf uns zukommen würden.
Schön war die Fahrt auf dem alten, klapprigen Wagen und wir waren stolz, dass wir abwechselnd kutschieren durften.
Na ja, da es fast keinen Verkehr gab, hatten wir auch keine Probleme.
In Kaaden angekommen, sahen wir auch schon die ersten Kirschbäume neben der Strasse, voll mit den schönsten Herzkirschen. Und dann wurde uns klar, warum uns die Schweinepriester mitgenommen hatten.
Die faulen Säcke holten sich von den untersten Ästen die saftigen Früchte und machten es sich, auf allen Backen kauend, auf der Wiese neben der Strasse bequem, während wir Zwei im Baum herumklettern und ernten mussten.
Was Fritz nicht so leicht fiel , denn an seiner Schulter hatte er einen wunderschönen Bluterguss bekommen, der in allen Regenbogenfarben prunkte. Obwohl es ihm sichtlich schwer fiel, half er mir, so gut es ging.
Natürlich aßen wir so viel, wie wir konnten, doch irgendwann waren wir übersatt und die schönen Kirschen hingen uns zum Hals heraus. Mein Bruder hatte sich anscheinend ganz wohl bei der Kirschenfresserei gefühlt, wahrscheinlich hatten die Früchte die Stelle, wo einstmals ein Zahn gewesen war, gekühlt.
Jetzt aber war er satt und wollte nur noch heim. Also, dem Heimweg stand nichts im Weg, denn wir Zwei hatten unser Soll erfüllt: Auf dem Wagen stand ein großer Korb, voll mit den schönsten Kirschen.
In der Zwischenzeit hatten zwei aus dem Team Butter, Käse, Eier und andere Lebensmittel organisiert und zum Wagen gebracht. Mir taten die armen Bauern leid, bei denen sie das gemacht hatten, denn zimperlich waren diese Ganoven nie. Nachdem das Quartett aus Spaß noch ein paar Fensterscheiben und einige Straßenlaternen zerschossen hatte, machten wir uns wieder an die Heimfahrt.
Es war mittlerweile Nachmittag geworden und wir Zwei waren froh, dass die Kirschenernte vorbei war und wir nach Hause fuhren. Da es bergauf ging und die Pferde nicht mehr so wollten, kamen wir jetzt langsamer vorwärts und so konnten sich die Vier, die nun neben dem Wagen liefen, den Spaß erlauben, sich auf die eine Art, die sie am besten verstanden, die Zeit zu vertreiben : Sie ballerten auf alles mögliche, nur um Freude daran zu haben, dass sie wieder mal was kaputtmachen konnten. Einer von ihnen kam auf die Idee, mit der Kalaschnikow einen Straßenbaum zu fällen, was die anderen natürlich gleich nachmachen mussten.
Auf diese Weise mussten einige unserer schönen Vogelbeerbäume dran glauben. –
Dann wollten auf einmal die Pferde nicht mehr laufen, was die Soldaten richtig in Rage brachte.
Schließlich hatte einer die Idee, einen Stock zu suchen, trockenes Gras vorne drum zu wickeln und dieses dann anzuzünden. Diese Fackel hielt er dann unter den Bauch des einen Gauls, was dem nicht gefiel und ihn in einen wilden Galopp ausbrechen ließ. Jetzt auf einmal liefen die Pferde so gut, dass wir uns alle wieder auf den Wagen setzen konnten und nicht mehr laufen mussten.
Nun ging die Fahrt ziemlich schnell zu Ende. Als wir in unserem Dorf angekommen waren und die schönen Kirschen in den Warteraum gebracht hatten, durften wir uns sogar noch eine Handvoll der saftigen Früchte mitnehmen, bevor wir auf den Wagen stiegen, um das Gespann dem Eigentümer zurückzubringen.
Der erwartete uns schon voller Sorge, was kein Wunder war, wenn man bedenkt, wie die Ganoven ansonsten mit den Pferden umgingen. Auf jeden Fall war er sehr dankbar, dass wir ihm die Tiere heil zurückbrachten und dafür bekamen wir ein Stück Butter und eine schöne Portion Quark von der Hausfrau.
„ Na also, hat sich doch gelohnt, “ meinte Fritz und grinste mich an. „ Aber trotzdem, so billig kommen die tschechischen Arschlöcher nicht weg, dafür werde ich sorgen. “
Natürlich freute sich Mutter über die Mitbringsel, doch vorher gabs erst noch ein paar saftige Ohrfeigen, denn wir hatten doch tatsächlich vergessen, ihr vorher von der Fahrt nach Kaaden zu erzählen.
Nach dem Abendessen winkte mich Fritz nach draußen und erklärte mir seinen Plan.
„ Sei doch mal ehrlich, es ist doch nicht richtig, dass diese Schweinepriester die schönen Kirschen und die anderen feinen Sachen alleine fressen, oder? Ich denke, wir werden die Bande wieder mal auf SS-Jagd schicken, damit wir in aller Ruhe uns holen können, was eigentlich, im weitesten Sinn des Wortes, uns gehört.
Was die da im Warteraum haben, ist doch alles von unseren Leuten gestohlen und zusammengeraubt worden.
Wenn wir uns da was holen, ist das nur ausgleichende Gerechtigkeit.“
Er hatte ja so recht und ich stimmte ihm aus vollem Herzen zu. Also fanden wir uns am nächsten Tag auf dem Bahnhof ein und erzählten den Männern, wir hätten gehört, dass sich im Wald SS-Leute versteckten.
Es war schön, zu sehen, wie sie darauf hereinfielen. In alller Eile packten sie ihr Häckel Päckel und marschierten ab zur großen SS- Jagd. Auf die Idee, jemand als Wache zurückzulassen, war zu unserem Glück keiner gekommen. Kaum war der letzte Arsch außer Sichtweite, waren wir dank des Schlüssels, den ich schon Wochen vorher organisiert hatte, auch schon im Warteraum. Tolle Sachen lagen und standen da herum.
Wir rafften zusammen, was wir an Lebensmitteln fanden, vergaßen auch einen Korb Kirschen nicht, rissen uns die Butter und die Eier, die sie bei den Bauern organisiert hatten, unter den Nagel und verließen hochzufrieden den Ort unseres fruchtbaren Treibens. Mutter wunderte sich natürlich, dass die Tschechen so freigiebig gewesen waren und meinte, es gäbe also doch noch ein paar anständige Menschen unter ihnen.
Wenn sie gewusst hätte….Wir hätten zu gerne die Gesichter der „ Spender “ gesehen, als sie nach ihrer Rückkehr ihr Hamsterlager ziemlich leergeräumt vorfanden. Mein Bruder hatte wieder mal bewiesen, dass man sich, mit etwas Köpfchen, ohne weiteres gegen die Willkür der Besatzer wehren konnte.
Denn dass sie der Diebstahl ziemlich hart traf, durfte man wohl erwarten.
Im Rückblick sagten wir uns, dass sich die Fahrt aufs Land in jeder Beziehung reichlich gelohnt hatte und Fritz meinte, dass wir so einen kleinen Raubzug ruhig mal wiederholen könnten.
Aber ich hatte Muffensausen bekommen und so war dies unser letzter Besuch im Warteraum gewesen.
Aber es gab ja noch andere Möglichkeiten, den verhassten Besatzern eins auszuwischen.
Wir durften uns nur nicht erwischen lassen.
Eduard Hahn
Wenns brennt, dann brennts
Ich erinnere mich noch gut an die offenen, nur mit einem Dach versehenen Lager für die langen, mit Ketten gesicherten Feuerleitern, die gebraucht wurden, um im Fall eines Feuers den Brand von oben bekämpfen zu können. Wenn es mal brannte, was öfters der Fall war, dann hörte man schon von weitem das Feuerhorn, denn eine Sirene gab es damals noch nicht. Mit lautem Glockengeläut kam der rote Löschwagen, gezogen von vier starken Pferden, angefahren. Das große Holzfass, das vorher am Feuerlöschteich gefüllt worden war, wartete nun auf seinen Einsatz. Schläuche wurden ausgerollt und der Feuerwehrhauptmann gab das Kommando „Wasser marsch.“ Jetzt griffen vier Männer zu den großen Pumpenschwengeln und pumpten wie die Weltmeister. Aber oft half alles nichts mehr und das Haus brannte nieder. Das war nicht weiter verwunderlich bei all den vielen offenen Brandquellen – vor allem Kerzen und Petroleumlampen. Die Brandgefahr erhöhte sich auch dadurch, dass viele Häuser aus Holz gebaut waren. Im vergangenen Jahrhundert, 1811, brach ein großer Brand aus, der von 370 Häusern nur 66 verschonte. Einmal brannte es gar nicht weit von unserem Haus entfernt. Natürlich mussten mein Bruder und ich uns das genauer ansehen. Als wir am Brandort ankamen, schlugen die Flammen noch meterhoch. Eine Menge Leute waren damit beschäftigt, Möbel und anderen Hausrat ins Freie und in einiger Entfernung vorm Feuer in Sicherheit zu bringen. Etwas weiter standen die weinenden Besitzer, die von einigen Nachbarn getröstet wurden. Ich hörte, wie sich einige Männer über den Brand unterhielten. „ Hätten wir eine richtige Feuerwehr mit etwas modernerer Ausrüstung, so wie in anderen Ortschaften, wäre dieses Haus bestimmt zu retten gewesen“. „ Na ja, meinte ein anderer, das ist halt auch eine finanzielle Frage, denn so was ist ja nicht billig.“ Die Diskussionen dauerten noch an, als wir Zwei uns auf den Heimweg machten. Irgendwie schien die Meinung der Bewohner geholfen zu haben, denn es dauerte nicht mehr lange, dann bekam unsere Feuerwehr endlich einen modernen Löschwagen. Es war ein großes Fahrzeug, das einen starken Motor, großen Wassertank, lange Schläuche und eine vom Motor angetriebene Spritze hatte und viel schneller an den Brandort kommen konnte. Der Bürgermeister und sein Anhang hatten sich also doch durchgerungen und Abhilfe geschaffen. Im Endeffekt bezahlten ja doch nur die Bürger.
So, das war die Geschichte unserer Feuerwehr und ich hoffe, sie gefällt euch.
Eduard Hahn
Heumachen
Der Sommer war gekommen und mit ihm die Zeit des Heumachens. Überall auf den Wiesen rings um uns sah man die Bauern mit ihren Helfern - meistens Familienmitglieder -, eifrig bei der Arbeit.
Denn der Winter bei uns im Gebirge war hart und lang und Kühe, Ziegen und Karnickel wollten schließlich jeden Tag außer dem Nassfutter ihr Heu.
Vater hatte auf den Wiesen, die dem Bauern, bei dem er oft aushalf, gehörten, Gras gemäht. Nachdem das geschehen war, kamen wir, das Fußvolk an die Reihe. Das gemähte Gras wurde mit Holzrechen von Mutter, meinem Bruder und mir schön ausgebreitet und dann so lange, oft zweimal am Tag, gewendet, bis es getrocknet und zu Heu geworden war.
Dieses mussten wir Drei dann zusammen rechen und zu Schobern aufsetzen.
Na ja, einen Schönheitspreis konnte man mit den von uns Buben aufgesetzten Gebilden nicht gewinnen. Trotzdem war es schön, die von der Bauersfrau gebrachte Himbeerlimonade und das Quarkbrot zu vertilgen. Dann, nach ein zwei Tagen, bei schönem, sonnigem Wetter und wenn kein Gewitter zu erwarten war, wurde das trockene Heu eingefahren.
Erwartungsvoll saßen mein Bruder und ich vor dem Haus auf dem leeren Wagen und warteten auf die Fahrt zu unseren Heuschobern. Nachdem wir angekommen waren, wurde der Leiterwagen von Vater und dem Bauer beladen, das Heu immer wieder – mein Bruder und ich durften darauf herumtoben- , fest getreten und zum Schluss mit einem Holzstamm und einem Seil gesichert. Links und rechts, in der Mitte des Wagens, gab es zwei große Öffnungen, die mit Ketten in kleine Quadrate geteilt waren.
In diese Öffnungen wurde nun so viel Heu gestopft, dass der Wagen auf einmal zwei dicke Bäuche hatte, was sehr lustig aussah. Ganz oben auf dem Wagen saß ich mit meinem Bruder und wir Zwei freuten uns über die Fahrt zurück nach Hause. Mit der Anweisung, uns ja gut festzuhalten, fuhren wir dann los. Gemächlich gingen die Kühe mit dem Wagen durch den Hohlweg bergab.
Wenn es zu steil wurde, musste Vater, der hinten an der Bremskurbel stand, bremsen, damit der Wagen nicht zu schnell wurde. Dann quietschten die Bremsklötze und manchmal fingen sie auch an zu qualmen. Es war wie ein Wunder, dass wir Zwei durch die Schaukelei nicht seekrank wurden. Wir mussten nur gut auf die Stechbremsen achten, die aber zum Glück meistens nur vor Gewittern sehr emsig waren, denn wenn die die Kühe zu arg plagten, konnte es vorkommen, dass diese mit dem hochbeladenen Wagen durchgingen. Dann waren sie nicht mehr zu halten. Eine solche Situation hatte ich aber noch nie erlebt, sondern kannte dies nur aus Erzählungen meines Vaters. Der hatte mal versucht, ein wild gewordenes Gespann anzuhalten, was ihm aber nicht gelungen war. Erst als die Deichsel des Wagens gegen die Mauer des Bauernhofes krachte und in zwei große Teile zersplitterte, kam der Wagen zum Stehen. Ich wundere mich heute noch, dass er damals unverletzt blieb. Heute habe ich immer noch den starken Duft des Heues in der Nase, höre in Gedanken das Summen der Mücken und sehe die Schwänze der Kühe nach den Plagegeistern schlagen. Wenn wir dann zu Hause angelangt waren, unsere Erdäppel mit Quark gegessen hatten und vor dem Haus herumlungerten, erklang vom Teich her das große Froschkonzert, vorgetragen von ich weiß nicht wie vielen Fröschen, unterstrichen vom Summen der Mückenschwärme.
In diese Zeit – und weil wir ja jetzt frisches Heu zur Verfügung hatten,- fiel auch das Stopfen unserer Strohsäcke, deren Füllung erneuert werden musste. Matratzen, wie es sie heute gibt, kannten wir nicht, nein, wir machten sie uns selbst. In einen großen, extra für diesen Zweck von Mutter genähten Stoffsack wurde das frische Heu gestopft, der Sack zugebunden und schön aufgeschüttelt. Fertig war unser Himmelbett. Der Duft des frischen Heues war im ganzen Haus zu riechen - es war ein tolles Aroma.
Und man konnte auf so einem Strohsack wunderbar schlafen. Wenn er, nach einiger Zeit, zu viel zusammengedrückt war, wurde er einfach mal gewendet und aufgeschüttelt – und alles war wieder wie neu.
Was ich mich damals fragte, warum nannte man diese Gebilde Strohsäcke, obwohl sie doch den Sommer über mit Heu gestopft wurden ? Denn erst im Herbst, wenn die Getreideernte vorbei war, kam auch Hafer- o.Gerstenstroh zum Einsatz. Das war zwar auch nicht übel, doch im Gegensatz zum Heu war es doch härter und vor allem - es piekste manchmal ganz schön.
Schön waren diese Sommertage mit wunderbarem blauem Himmel, mit weißen Wölkchen garniert , mit Gewittern, vielen Blitzen und lautem Donnergrollen und Regen, der rauschend vom Himmel fiel und die Luft wieder klar und rein machte.
Eduard Hahn
Großmutter
Einen Menschen, der so lieb wie sie war, kann man nicht vergessen – und das werde ich ganz bestimmt nicht. Sie war nicht nur lieb, sondern auch sehr tatkräftig und ließ sich nicht die Butter vom Brot nehmen. Ich war ihr erklärter Liebling, bekam von ihr alles und nutzte das, im Nachhinein gesehen, auch reichlich aus. Im Ort war sie als sehr gute Kartenlegerin bekannt, eine Menge Leute kannten sie gut und weil ihre Voraussagen meistens zutrafen, honorierten sie das auch. Und wer hatte den Nutzen davon? Natürlich ich. Immer wenn ich sie besuchte, war ihre erste Frage : Hast du Hunger, hast du Durst? Und wenn sie es hatte, steckte sie mir eine Kleinigkeit für eine Nascherei zu, wovon ich aber meinen Brüdern nichts sagen sollte. Auf ihrer Fensterbank standen im Sommer immer Blumenstöcke in voller Blütenpracht, denn dafür hatte sie eine gute Hand. Ich bewunderte immer ihre schönen „Schneebälle“, Blumenstöcke, die wie bunte Schneebälle aussahn. Im Winter legte sie ihr Doppelfenster mit Holzwolle aus und dekorierte es mit den schönsten Wintermotiven. Oft blieben Passanten, die vorüber kamen, stehen und bewunderten ihr Fenster. Ich war der Meinung, dass ihre Christbäume die schönsten der Welt wären, - so kamen sie mir wenigstens vor. Engelshaar, filigrane Behälter aus Metall, Vögel, die bei der leisesten Berührung mit dem Schwanz wippten, bunte Glaskugeln in allen Farben, Lametta, Kekse, Äpfel, in Stanniolpapier eigewickelt Tannenzapfen, eingewickelte Nüsse u.s.w. Ihre Christbäume waren für mich eine Wunderwelt. Und dann die Wohnküche: An den Wänden standen auf getrockneten Baumpilzen jede Menge Nippesfiguren, die ich immer putzen durfte und da hing auch die Perpendikeluhr mit den an Messingketten hängenden schweren Tannenzapfen aus Bronze, die die Uhr in Gang hielten. Nur ich durfte sie aufziehen. Mit ihrem Mann hatte sie leider nicht gerade das große Los gezogen, denn der verprügelte sie oft, wenn er wieder mal besoffen nach Hause kam. Als ich noch kleiner war, blieb ich oft über Nacht bei ihr und durfte dann bei ihr schlafen. Aber die richtigen Abenteuer begannen erst, als wir aus unserer Heimat vertrieben wurden und in Mörfelden landeten. Die sogenannten „Hamsterfahrten“ werde ich nie vergessen. Das war in der Nachkriegszeit, als der Großteil der Bevölkerung – unter ihnen auch meine Familie -hungerte. Ich erinnere mich noch gut, als wieder mal so eine Fahrt bevorstand. Mutter hatte ab und zu für die amerikanischen Soldaten gewaschen und dafür ein paar Schachteln Zigaretten erhalten, die wir mitnehmen und vielleicht gegen etwas Essbares eintauschen sollten. Dann kam der Tag der Abreise. Mit dem Zug ging es an ausgebombten Ortschaften vorbei, bis wir nach längerer Fahrt in Bayern ankamen. Als allererstes packte Großmutter ihre Karten aus und dann gingen wir von Haus zu Haus. Schnell hatte sich herumgesprochen, dass eine Kartenlegerin im Dorf war. Es dauerte auch gar nicht lange, dann hatten wir die ersten Kartoffel und ein Stück Fleisch in unserem Rucksack. Außerdem hatten wir auch eine Übernachtungsmöglichkeit gefunden, denn ein Bauer bot uns seine Scheune zum Schlafen an. In dieser Nacht schlief ich wie im Paradies. Am nächsten Morgen gab es dann ein wunderbares Frühstück mit Eiern und Schinken. Die Bäuerin ließ sich wirklich nicht lumpen. Großmutter trank mit Genuss den „ echten“ Kaffee und legte der Bäuerin zum Dank dafür noch mal die Karten. Nachdem wir die Bauern im Ort abgeklappert hatten, waren immerhin drei Sack Kartoffeln zusammengekommen, die ich erst mal bei einem Bauern unterstellte. Auch ein Paar Dauerwürste, eine stattliche Anzahl Eier, ein schönes Stück geräucherter Schinken und einige Büchsen mit Schweine- u. Gänsefett mussten noch eingepackt werden. So verging der Tag wie im Flug. Vater hatte mir für den Transport der Kartoffel ein kleines Wägelchen gebaut und nachdem ich mich über die Abfahrtszeit des Zuges informiert hatte, kam das jetzt zum Einsatz. Als wir zum Bahnhof kamen, dauert es auch gar nicht lange und der Zug rollte ein. Ich suchte mir einen Waggon mit Ablagebrettern an der Rückseite und band meine Beute darauf fest, während Großmutter sich einen Platz im Inneren des Waggons erkämpfte. Wir hatten eine schöne Portion Eier ergattert und neugierig wie ich war, musste ich probieren, wie rohe Eier schmecken. Es dauerte gar nicht lange, bis ich auf den Geschmack kam und als wir wieder in Mörfelden ankamen, war fast die Hälfte der Hühnerprodukte verschwunden. Solche „ Hamstertouren“ machten wir Zwei noch ein paarmal, bis sich die allgemeine Lage verbessert hatte. Zwei, drei Jahre später musste sie ins Krankenhaus, wo die Ärzte Kehlkopfkrebs feststellten. Von da an ging es ihr immer schlechter, bis sie , für mich viel zu früh, im Krankenhaus verstarb. Ich hatte sie zwar regelmäßig besucht, doch helfen konnte ich ihr leider auch nicht. Ich werde sie nie vergessen.
Eduard Hahn
Wiesel, Ziesel und Co.
„ Früher, ja früher, da war alles viel besser und schöner“, so sagen viele Leute.
Und dann wird von der guten, alten Zeit geschwärmt. Wenn ich an „ die gute, alte Zeit “ zurückdenke, kann ich nur darüber lachen. Denn so gut war diese Zeit in vielen Fällen gar nicht.
Doch eines kann ich sagen : Im Hinblick auf die Natur war es früher doch schöner als heute.
Wenn ich nur an unseren schönen Wald denke, in dem wir als Kinder Pilze und verschiedene Arten von Beeren sammelten, oder an die hohen Getreidefelder, die den Weg nach Orpus säumten, wenn unsere Eltern mit uns dorthin spazieren gingen, - da kommt Wehmut auf.
Und noch was : Ich glaube, dass auch die Tiere, die wir früher kannten, immer weniger werden.
Okay, ich wohne in einer Großstadt, wo es diese Spezies nicht gibt, aber auch draußen auf dem Land sucht man einige Arten vergeblich. Das konnte ich feststellen, als ich mit meiner Familie Urlaub auf dem Bauernhof machte.
Da war Kleingetier kaum noch zu finden. In meiner Jugendzeit gab es zum Beispiel massenhaft Reb - u. Birkhühner, Wiesel, Ziesel, Hasen und andere kleine Tiere, die Wald und Feld besiedelten.
Die Erstgenannten sind hier bei uns in der Stadt vollkommen unbekannt und Hasen hab ich vor etlichen Jahren zum letzten Mal gesehen, als auf den Schwanheimer Wiesen Jagd auf sie gemacht wurde.
Viele Gifte in der Umwelt und die rigorose Verfolgung durch Menschen sorgen für diesen Zustand. –
Schade drum. Ich hätte meinen Enkeltöchtern gern mal eins von den kleinen, pelzigenTierchen, hinter denen Fritz und ich in unserer Halbstarkenzeit öfters her waren, gezeigt. Wahrscheinlich wird das nicht mehr klappen, aber vielleicht kann ich sie mit dieser kleinen Geschichte ein bisschen entschädigen und ihnen damit zeigen, wie es früher war. Also, auf geht’s.
Eines Tages hörten wir in der Schule, dass der Mann, der die Bälge von Pelztieren aufkaufte, auch in diesem Sommer wieder in der Umgebung sei und schon Umfragen gestartet hätte.
Fritz war ganz narrisch und gab nicht eher Ruhe, bis wir den Mann nach langem Suchen in einem anderen Dorf gefunden hatten. Nun mussten wir, was ganz wichtig war, über die Geschäftsbedingungen sprechen.
Der Mann erklärte uns, wie er sich die Sache vorstellte. Wir brauchten nur die toten Tiere bei ihm abzuliefern, er würde den Zustand ihres Pelzes kontrollieren und bei Gefallen konnten wir unser Geld kassieren und schon wäre die Sache gelaufen.
Damit waren wir sehr einverstanden, denn wir hätten es wahrscheinlich nie geschafft, den Tierchen das Fell abzuziehen. Nun ging es um den Preis, den er zahlen wollte, denn das war ja die Hauptsache für uns.
Immerhin ging es dabei um unser Taschengeld und wer hätte schon darauf verzichtet. Nach längerem Feilschen einigten wir uns und nun konnte die Jagd beginnen.
Zuerst mussten wir unseren Freund Heini Vlach, der auf einem Bahnwärterhaus bei Domina wohnte, informieren. Heini war unser bester Freund, zumindest in der Zeit, als wir in Tschernowitz wohnten. Mit ihm bildeten wir ein unschlagbares Trio und in unserer Freizeit waren wir faktisch untrennbar. Das ging so weit, dass er oft bei uns zu Mittag mit an unserem Tisch saß, obwohl Mutter schon fünf Kinder füttern musste.
Nun sollte er sich mit seinem Hund Bello, einem Mischling, an der Jagd beteiligen, denn ohne den Hund hatten wir schlechte Karten. Dann suchten wir uns einen Acker, der so aussah, als ob da welche von den kleinen Nagern hausen würden. Vorarbeit in diesem Sinn war der Garant des Erfolgs.
Es dauerte auch gar nicht lange, dann schienen wir Glück zu haben, denn wir fanden eine Menge Löcher, die zu ihren Bauten führen mussten. Bello sauste wie verrückt auf dem Feld herum und schnupperte hier, schnupperte da - und dann fing er an einem Loch wie verrückt zu graben an. Heini feuerte ihn außerdem noch an, während Fritz und ich in der Zwischenzeit die Umgebung absuchten, um festzustellen, wo die anderen Ausgänge waren.
Denn diese schlauen Viecher hatten immer mehrere Ausgänge und als wir die gefunden hatten, legten wir unsere Schlingen darüber, in denen sie sich fangen sollten, wenn sie aus ihrem Bau flüchteten.
Nun mussten wir nur noch abwarten, ob Bello Erfolg haben würde. Er war mittlerweile schon ziemlich tief vorgedrungen und wurde immer hektischer.
Wie bei einem Bagger flog die Erde hinter seinen Pfoten in die Gegend und sein Knurren klang ziemlich bedrohlich. Jetzt durften wir ihn nicht mehr stören, denn sonst konnte es passieren, dass er uns oder vielleicht sogar sein Herrchen angriff und in die Beine biss, so versessen war er darauf, seine Beute zu erwischen.
Da, an dem einen Loch tat sich was, - eine kleine Schnauze sah heraus und im nächsten Moment schoss ein hellbraun gefleckter Körper aus dem Loch. Ein Ziesel. So schnell, wie sich Fritz auf die Beute warf, hatte ich ihn bei der Arbeit noch nie gesehn. Er wollte das kleine Vieh hinter dem Kopf packen, doch das klappte nicht.
Das Tier fauchte und kratzte wie toll. Plötzlich schrie er, denn er war gebissen worden und im nächsten Moment schrie er noch mal, - jetzt hatte ihn der Hund erwischt, der sich in den Zweikampf eingemischt hatte.
Fritz liess nicht los, trat gleichzeitig mit den Füssen nach Bello, was Heini gar nicht gut fand.
Endlich konnte er das kleine Ungeheuer in die Luft halten, wo der Hund nicht mehr drankam.
Du liebe Zeit, war das eine Aufregung und das alles nur wegen eines so kleinen Tiers.
Heini nahm Bello an die Leine, was der gar nicht verstand, dann packten wir das Tier in den mitgebrachten Sack.
So, das war geschafft. Dann hängten wir den Sack mitsamt Inhalt hoch über dem Boden in einen Baum, damit er außer Sicht des Hundes kam, der außer Rand und Band war und nicht mehr aufhörte, zu bellen.
„ Ich wette mit euch, dass es hier noch mehr von diesen kleinen Stinkern gibt “ meinte Heini.
Wir waren derselben Meinung und so suchten wir weiter, nachdem wir Fritzens Wunde, eine lange, tiefe Schramme, die ganz schön blutete, notdürftig mit unseren dreckigen Taschentüchern verbunden hatten.
„ Die Hauptsache ist, es tropft kein Blut mehr auf den Boden, denn sonst wird der Hund noch ganz verrückt“ meinte Heini, „ der ist ja jetzt schon aus dem Häuschen.“
Also suchten wir weiter und tatsächlich, wir fanden noch mehr Löcher, die vielversprechend aussahen.
An diesem Tag hatten wir Glück, am späten Nachmittag bestand unsere Beute aus etlichen der kleinen Pelztiere, die wir, ohne weitere Verletzungen kassiert zu haben, im Sack hatten.
Doch dann, zu meiner Überraschung, erklärte Fritz, er wolle gern aufhören. So was kannte ich gar nicht an ihm.
Er erklärte uns, dass ihm seine Hand wehtäte und als wir uns die ansahen, gaben wir ihm recht, denn in der Zwischenzeit war sie angeschwollen und knallrot.
Also brachen wir unsere Jagd ab, mit der Versicherung, an einem der nächsten Tage noch mal unser Glück zu versuchen. Als wir den Sack mit Inhalt bei dem Aufkäufer ablieferten, war er sehr zufrieden, fragte uns, wann er wieder mit uns rechnen könne und zahlte uns aus.
Als er den blutigen Verband meines Bruders sah, gab er sogar noch ein kleines Schmerzensgeld extra. Beide Seiten waren zufrieden und so machten wir uns auf den Heimweg.
Doch dann kam das Elend : Fritzens Hand war am nächsten Tag dick geschwollen und er hatte nachts nicht schlafen können. Ich musste auf Mutters Anordnung mit ihm auf dem Fahrrad nach Tschernowitz zum Arzt fahren, der eine beginnende Blutvergiftung feststellte. Er säuberte die Wunde, gab Fritz eine Spritze und verband die Hand. Dann durften wir wieder nach Hause fahren. „ In zwei, drei Tagen schaust du noch mal bei mir vorbei, damit ich mir die Wunde ansehen kann “ sagte er zu Fritz. Das machte mein Bruder natürlich.
Er nahm die Anordnung wörtlich und als wir ein paar Tage später am Haus des Doktors vorbeikamen, - Fritz mit einigermaßen geheilter Hand, - schaute er an der Praxis einfach vorbei.
So endete unser abenteuerlicher Raubtierfang doch noch glücklich. Natürlich gingen wir in diesem Sommer noch öfter auf Jagd, aber jetzt vorsichtiger und deshalb zum Glück auch ohne Verletzungen und zerrissene Hosen.
Ich glaube nicht, dass wir mit unserer Jagd die Population der kleinen Tierchen gefährdeten und im nächsten Jahr wieder lebhaftes Treiben auf den Feldern vor Tschernowitz herrschte, - denn Taschengeld brauchten wir immer.
Ach, wie gerne ginge ich heute noch mal auf Ziesel u. Wieseljagd.
Eduard Hahn
Endlich richtige Schneeschuh
Es war Oktober geworden, die letzten Kartoffeln waren geerntet. Fritz und ich hatten Kartoffeln nachstoppeln müssen und saßen nun müde neben dem Feuer aus trockenem Kartoffelkraut.
Jedes Jahr dasselbe, immer diese Nachstopplerei auf fremden Feldern, - das hing uns langsam zum Hals heraus.
Doch wenn wir im Winter was essen wollten, war es eben nötig.
Heute hatten wir dreieinhalb Säcke Kartoffeln gesammelt. Am vergangenen Tag waren es mehr gewesen. Mutter würde zufrieden sein. Genussvoll, mit dreckigen, russschwarzen Fingern aßen wir unsere Kartoffeln, die wir uns im Feuer gebacken hatten. Darauf waren wir ganz scharf, denn nichts schmeckte so gut wie eine Kartoffel, frischgebacken im Kartoffelkrautfeuer. Langsam wurde es empfindlich kalt und immer öfter taumelten Schneeflocken vom Himmel. –
Die ersten Schneeflocken dieses Jahres. Das war keine Seltenheit bei uns auf den Höhen des Erzgebirges.
Schon bald würden noch viel mehr kommen, bis unsere Heimat unter einer weißen Decke lag.
„ Menschenskind, ist das kalt geworden, ich hab eiskalte Finger“ meinte mein Bruder.
„ Mir geht’s genauso, außerdem hab ich auch noch kalte Füße“ gab ich zurück.
„ Weißt du was, nach dem Essen drehen wir uns noch eine Zigarette, dann laden wir auf und fahren heim.“
Aus getrocknetem Kartoffelkraut und einem Stück Zeitungspapier drehten wir uns jeder, mehr oder weniger schön, eine Zigarette und fingen an zu qualmen.
Also, Rauchen konnte man das nicht gerade nennen, dafür mussten wir viel zu oft husten und als es uns schwindlig wurde, warfen wir unsere „ Zigaretten “ ins Feuer und beluden unser Wägelchen mit einem Sack der mühsam zusammengesuchten Kartoffeln. Wie es aussah, würden wir bestimmt noch zweimal fahren müssen.
Auf dem Nachhauseweg meinte Fritz : „ Ich glaube, wir müssten langsam unsere Winterausrüstung zusammensuchen.
So, wie das Wetter jetzt aussieht, könnte es in der nächsten Zeit richtig schneien.“
Ich musste lachen. Von wegen Winterausrüstung. Was hatten wir denn schon für Winterausrüstung.
Jeder ein Paar alte, jedes Jahr von Vater neu geschliffene Schlittschuhe, die uns immer die Absätze abrissen, mit einem Schlüssel zum Festziehen, der immer auf unerklärliche Weise verschwand und dann doch wieder gefunden wurde. Außerdem unseren Hörnerschlitten, auf den wir große Stücke hielten und jeder ein Paar Schneeschuhe, bestehend aus Fassdauben mit aus Schweinsleder selbstgefertigten Bindungen, dazu natürlich zwei Schistöcke aus Haselnussholz mit großen Tellern aus Weidenruten, die mit dünnen Lederriemen bespannt waren. Das wars. Trotzdem hatte Fritz recht. Alles musste nachgesehn und eventuell ausgebessert werden.
Das größte Problem waren unsere Ski. Diese blöden Fassdauben stanken uns ganz gewaltig. Fast jeder unserer Freunde hatte richtige Schneeschuhe, nur wir nicht.
„ Vielleicht ist heute ein guter Tag, um mal mit Vater zu reden, schließlich haben wir doch ganz schön geschuftet “ meinte mein Bruder. „ Fünf Säcke Kartoffeln, das ist doch schon was.“
„ Ich glaube zwar nicht, dass wir Erfolg haben werden, aber probieren können wirs ja mal.
Du weißt ja, wie knapp unsere Haushaltskasse ist “ meinte ich.
Nachdem wir den Rest unserer Beute heimgeholt und zu Abend gegessen hatten, gingen wir zum Angriff über.
„ Könnten wir nicht endlich mal richtige Schneeschuhe haben ? Alle unsere Freunde haben welche, nur wir rutschen immer noch auf diesen blöden Fassdauben rum, außerdem, wenn wieder richtig Schnee liegt, kommen wir auf dem Weg in die Schule wieder nur schlecht vorwärts und dann kommen wir immer zu spät “ erklärte Fritz unseren Eltern.
„ Ihr müsst doch zugeben, dass wir gut gearbeitet haben, oder nicht ?
Ich denke, eine Belohnung wäre da doch nicht schlecht“. Worauf Vater meinte :
„ Hast du schon mal überlegt, wie viel von diesen „ blöden Fassdauben“ ihr schon kaputtgefahren habt ?
Wenn das richtige Skis gewesen wären, wäre ich aus den Schulden nicht mehr herausgekommen.
Aber damit endlich Ruhe im Haus ist, bekommt ihr eure Schneeschuhe. Ich werde mich in der nächsten Zeit mal umhören, wo ich preiswert welche bekomme. Aber zu diesem Zweck muss ich in die Stadt fahren.
Außerdem liegt ja noch gar kein Schnee und bis es so weit ist, müsst ihr wohl noch abwarten “.
Dann, Wochen später, war es so weit. Vater fuhr mit einem Nachbarn auf dessen Fuhrwerk in die Stadt.
Schwerbeladen kam er am Spätnachmitteg zurück. Wir begrüßten ihn mit lautem Hallo und trugen das lange, nicht grad leichte Paket gleich in die Wohnküche, wo wir uns alle versammelten.
Wir ließen Vater kaum Zeit, sich seine Schuhe auszuziehen, so eilig hatten wirs. die Schnur und das Papier zu entfernen.
Und da kamen sie nun zum Vorschein : Zwei Paar wunderschöne Schieer, die einen schwarz mit roten Seitenstreifen, die anderen schwarz mit gelben Streifen. Wir tanzten in der Küche herum wie die Blöden.
Außerdem waren auch noch zwei Schistöcke aus Haselnussholz dabei. Die Bindungen waren zwar immer noch aus Leder, hatten aber Kippschnallen, das Modernste, was es im Mpment gab.
Vater hatte sich wirklich in Unkosten gestürzt, um uns eine Freude zu machen.
Nun standen wir da, vor Freude außer Rand und Band, umarmten Vater und versuchten, unserer Freude Ausdruck zu geben. Ich glaube, dass er darüber ein bisschen verlegen war.
Anscheinend hatte er nicht gewusst, welch eine große Freude er uns gemacht hatte.
„Na, ja, ist schon gut,“ meinte er schließlich lachend, „ich möchte aber euer Versprechen, dass ihr die Bretter ordentlich behandelt. Schließlich kann ich euch nicht jedes Jahr ein Paar neue kaufen. Natürlich versprachen wir ihm das hoch und heilig. Mutter sah uns nur an, - was sie sich dachte, wusste niemand. doch wie alle Mütter ahnte sie wahrscheinlich jetzt schon, was irgendwann einfach kommen musste.
Furchtbar lang dauerte es für uns, bis der erste richtige Schnee fiel und vor allem, dass auch genügend liegen blieb.
Doch endlich war es so weit. - Das erste mal auf den neuern Schieern, was für ein Gefühl.
Wenn uns Mutter nicht gezwungen hätte, wenigstens etwas zu frühstücken, ich glaube, wir wären sofort zur Haustür hinausgestürzt.
Also, raus aus dem Haus, hin zum Bahndamm, in die Bindungen gestiegen und schon gings los.
Doch halt…nach einigen Metern lag ich schon auf der Schnauze und hatte einen Schi verloren.
War ja klar, die Bindung war viel zu locker. Das Ganze noch mal von vorne: Erst mal die Bindung richtig einstellen, festschnallen, die Stöcke geschnappt und nun gings endlich los. Doch nach der ersten Abfahrt waren wir sehr enttäuscht.
Menschenskinder, wir krabbelten den Hang ja mehr hinunter als wir fuhren. Unsere Enttäuschung war groß und mit hängenden Köpfen kamen wir wieder oben an. Vater hatte uns natürlich bei unserer ersten „ Schussfahrt “ beobachtet und tröstete uns.
„ Also, jetzt passt mal auf, als erstes müssen die Bretter gewachst werden, damit sie überhaupt richtig laufen.
Dazu wird uns Mutter eine alte, abgebrannte Kerze spendieren. Damit reiben wir die Laufflächen ein und zum Schluss gehen wir mit dem Bügeleisen drüber, damit alles schön glatt wird “. Mutter protestierte zwar wegen ihres Bügeleisens, doch Vater schaffte es, sie zu überzeugen, dass wir das Ding unbedingt brauchten. Dann gab er uns noch einen sehr nützlichen Tipp :
Damit die Spitzen immer schön gebogen blieben, mussten sie mit zwei Hölzchen, die an jedem Ende einen spitz zugefeilten Nagel hatten, in Form gehalten werden. Die Hölzer kamen zwischen die Spitzen und die Bretter wurden mit Riemchen, die wir aus der Bindung entliehen, zusammengepresst. Mit diesen neuen Informationen versehen, stiegen wir wieder in die Bindungen und ab gings den Hang hinunter.
Ja, jetzt machte es Spaß. In einem tollen Affenzahn sausten wir den Damm hinunter, dass der Pulverschnee nur so staubte.
Das waren klasse Bretter, - sie ließen sich dank der modernen Bindungen ganz toll lenken, sodass wir genau dahin kamen, wohin wir wollten.
Als wir nach der ersten Abfahrt wieder oben ankamen, schworen wir uns, nie mehr wieder auf Fassdauben zu steigen.
Als wir am nächsten Tag mit unseren neuen Brettern an der Schule eintrafen, gab es natürlich ein großes Hallo.
Und die ersten Gutachten über die neuen Bindungen und deren Vorteile wurden auch abgegeben.
Jeder wusste etwas, was der andere noch nicht wusste. Auf jeden Fall waren wir eine ganze Weile der Mittelpunkt des Interesses – bis Oberlehrer Stampfl die Schulglocke läutete und alle in ihre Klasse sausten. –
Der Winter nahm seinen Fortgang, wir erlebten herrliche Schifahrten rund um unseren Ort und auch in der weiteren Umgebung konnte man uns sehen, wenn wir in toller Schussfahrt die Hänge hinabsausten. –
Doch leider bleibt nicht alles so schön, wie man es sich denkt oder wünscht.
Eines Nachts hatte es getaut und der Schnee wurde pappig und schwer. In den Morgenstunden hatte es dann wieder gefroren, was uns aber leider entging. Wir machten uns zu unserer täglichen Abfahrt in die Schule startklar, stiegen auf die Bretter und sausten mit Karacho und viel Spaß den Hang hinunter. Ja, und dort unten, am Fuß des Dammes, war dann Endstation für uns.
In meinen Gedanken höre ich heute noch das laute Knirschen, mit dem unsere Spitzen brachen.
Als wir uns aus der Schneewehe, die sich vor Tagen angesammelt hatte, befreit hatten, ahnten wir schon, welcher Anblick uns erwarten würde. - Zwei Bretter ohne Spitze. Na, das war ja Klasse, - was würde Vater dazu sagen?.
Zuerst mußten wir wieder ins Haus und die Bretter zurückbringen, was wir natürlich heimlich und leise taten.
Dann marschierten wir geknickt und zu Fuß in die Schule. Unterwegs beratschlagten wir, wie wir das Unglück unseren Eltern beibringen konnten. Fritz meinte, am besten wärs, wenn wir die Wahrheit erzählten.
Ich war schon deshalb einverstanden, weil wir ja nichts Nachteiliges gemacht hatten. Natürlich kamen wir zu spät in die Schule, doch als wir unserem alten Oberlehrer unser Unglück erzählt hatten, bedauerte er uns nur und schickte uns ohne Bestrafung in unsere Klasse.
Nach der Schule, auf dem Nachhauseweg, ging uns nur eine Sache im Kopf herum :
Wie würde Vater unser Pech aufnehmen ? Mit hängenden Köpfen kamen wir zu Hause an.
Vater hatte natürlich schon die kaputten Schier gesehn und zu unserem großen Erstaunen machte er gar kein so großes Trara. –
„ Ihr müsst damit fahren“, meinte er,- „ ich nicht. Aber macht euch nicht so viel draus, ihr seid nicht die Ersten, denen so was passiert ist. Auch ich hab in meiner Schulzeit etlichen Spitzensalat gemacht.“
Am Nachmittag brachten wir die Bretter zum Wagner, - der solche Arbeiten nach eigener Aussage oft machte, - von dem wir sie am nächsten Tag wieder abholen sollten. Wir konnten uns nicht so ganz vorstellen, wie er die Reparatur vornehmen wollte, doch dann sahen wirs.
Mit Zinkblech – nach alter Handwerksmanier und wie es bei uns so üblich war, - hatte er sie bandagiert und dadurch die zwei Teile miteinander verbunden. Und zum Schluss hatte er das Ganze noch mit kleinen Nägeln gesichert.
Vorbei wars nun mit der Herrlichkeit und Schönheit, jetzt waren sie verkrüppelt und sahen für meine Begriffe ganz traurig aus – grade so wie wir. Na ja, damit mussten wir halt leben.- Dazu möchte ich bemerken, dass wir nicht die einzigen waren, denen ein solches Missgeschick passiert war, im Ort gabs noch etliche andere, die genauso lange Gesichter wie wir machten.
Soviel zu unseren neuen, nun reparierten Schiern, auf denen wir noch eine geraume Zeit die Gegend rund um Reischdorf unsicher machten.
Und obwohl sie verkrüppelt waren, erlebten wir noch so manches schöne Abenteuer mit und auf ihnen.
P.S. Wie gerne wäre ich noch mal 40- 50 Jahre jünger, um eines dieser Sportgeräte, hochentwickelt, wie sie heute von vielen Menschen genutzt werden, selbst auszuprobieren. 1952, als ich nach der Vertreibung zum erstenmal mit meinem Cousin Franz Salzer wieder auf ein paar Skier stieg, und zwar auf dem Feldberg, um damit vom Siegfriedschuss abzufahren, dachte ich voller Wehmut an meine ersten, ganz einfachen und simplen Skier und an all die Abenteuer, die ich und mein Bruder damit erlebt hatten.
Eduard F. Hahn
Badespaß in meiner Kinderzeit
Auch wenn wir im Gebirge nicht mit den Temperaturen im Flachland mithalten konnten, gab es doch immer wieder mal heiße Tage, an denen wir uns im Wasser vergnügen konnten.
Für diesen Spaß gab es bei uns in Pressnitz, meiner Heimatstadt, den Feuerwehrteich, der bei uns Kindern sehr beliebt war.
Mein Bruder und ich konnten damals zwar noch nicht schwimmen, doch das tat unserer Freude am Wasser keinen Abbruch.
Mit unseren Freunden, dem Wohlrab - Anderle, dem Kittner-Toni und noch einigen anderen aus der Schule trafen wir uns immer, wenn es warm genug war, zur Gaudi am Feuerwehrteich.
Da wurden dann große Wasserschlachten ausgetragen, die nicht selten in harmlosen Raufereien endeten.
Manchmal kamen auch noch Buben aus Dörnsdorf oder von noch weiter her zu unserem „Badesee“,
dann ging es oft richtig zur Sache. Umkleidekabinen oder Sprungbrett kannten wir nicht, doch dafür konnten wir ab und zu eine schöne Forelle mit nach Hause bringen.
Da der Teich von den Hängen unterhalb des Hassbergs gespeist wurde, kamen die oft mit in unseren Teich geschwommen. Ich glaube, Mutter hatte sich schon daran gewöhnt, dass wir öfters ein schönes Exemplar nach Hause brachten.
Deshalb versuchte mein Bruder, einige von den schönen Kerlen zu erwischen, was ihm aber nur selten gelang.
Also spezialisierte er sich auf das Fangen von Fröschen und machte reichlich Beute, wovon die spitzen Schreie der Mädchen zeugten, wenn er sie ihnen präsentierte. Natürlich moserten sie und bezeichneten ihn als Tierquäler, was ihn aber nicht weiter störte.
Wir alle hatten einen Riesenspaß an unserem „ Badesee “. Ich weiß nur eins, dass für uns so ein Nachmittag viel zu schnell verging. Komischerweise kamen wir abends dreckiger nach Hause als wir weggegangen waren, obwohl wir doch im Wasser gewesen waren.
Aber auch die schönen warmen Sommertage waren viel zu schnell vorbei und dann wars aus mit den Badefreuden.
Eduard F. Hahn
Mein Bruder Fritz
Er kam 18 Monate nach mir zur Welt und wurde auf den Namen Friedrich getauft, von allen aber nur Friedl gerufen.
Viel später, als er schon erwachsen war, nannte ihn einer seiner beknackten Freunde Fritz - und dabei blieb es dann. Er war es, mit dem ich als Kind am meisten zusammen war, zusammen spielte und am meisten erlebte.
Deshalb widme ich ihm, der jetzt schon einige Zeit nicht mehr unter uns weilt, diese Zeilen.
Vielleicht ist es ja auch für seine Kinder und seine Frau interessant, zu erfahren, wie er in seiner Jugend war und was er sich für Streiche geleistet hat.
Allerdings kann man diese Streiche nicht mit denen der heutigen Jugend vergleichen. Unsere mögen manchmal derb ausgefallen sein, aber gewalttätig, wie es heute sehr oft der Fall ist, waren sie nie.
Ich brauchte gar nicht viel in meiner Erinnerung zu kramen, um so viele Jahre später noch immer zu lachen über all das, was wir zusammen ausgeheckt haben. Mit keinem meiner anderen 5 Brüder habe ich so viele Abenteuer erlebt wie mit ihm. Naja, das ergibt sich schon aus der Tatsache, dass er nur einundeinhalb Jahre jünger war als ich
und unsere anderen Brüder die ersten Jahre unserer Kinderzeit von unseren Streichen nicht viel mitbekamen, weil sie ja teils noch nicht geboren oder für uns nur " kleine Rotznasen " waren, die wir oft, sehr oft im Abseits stehen liessen und froh waren, wenn wir uns nicht um sie zu kümmern brauchten - was wir leider sehr oft tun mussten. Da war es kein Wunder, dass manchmal die Fetzen flogen, auch zwischen Fritz und mir. Er hatte eben seinen Kopf, - einen ziemlich harten - und ich den meinen. Wie oft trug Mutter ihm auf, einen seiner kleineren Brüder im Kinderwagen herumzufahren oder einfach nur auf ihn aufzupassen.
Aber wenn er etwas vorhatte, was öfters vorkam, oder wenn er einfach keine Lust hatte, - was auch sehr oft der Fall war, - Kindermädchen zu spielen, dann hatte ich immer die Arschkarte. Aus diesem Grund gab es oft Zoff zwischen uns, was dann oft in eine handfeste Keilerei ausartete, in der ich meistens der Unterlegene war. Überhaupt bekam ich von ihm mehr auf die Hörner als er von mir, was aber nicht heisst , dass ich Angst vor ihm hatte, - nur, er war eben stärker als ich und das sah man sehr oft an meiner blutigen Nase.
Aber ansonsten waren wir ein Herz und eine Seele und wenn es darum ging, mich gegen andere zu verteidigen, war er immer für mich da. Wie oft er sich wegen mir oder für mich mit manchmal weitaus stärkeren Gegnern prügelte, - ich kann es nicht zählen. Auch als wir schon lange erwachsen waren und jeder seine eigene Familie hatte, wurde er wütend, wenn mir jemand unrecht getan hatte oder mir an den Kragen wollte. Ja, und dann flogen eben die Fetzen. Dass ich seinetwegen oder wegen irgendwelcher Bubenstreiche, die er allein oder mit mir zusammen ausgeheckt hatte, öfters eine Abreibung von Mutter bekam, war zwar manchmal schmerzhaft, aber wie ich heute feststellen kann, hab ich auch das gut überstanden. Schön war die Kinder u. Jugendzeit mit ihm - und nie war sie langweilig.
Und ganz bestimmt hatte auch Mutter keine Langeweile mit uns. Ausserdem hatte sie ja nicht nur auf uns zwei zu achten, denn im Lauf von wenigen Jahren waren wir vier und kurz darauf fünf und etwas später sechs Brüder, die dafür sorgten, dass es ihr nie langweilig war. Doch wir zwei waren es hauptsächlich, die sie damals auf Trab hielten. -
Wie oft der Gendarm bei uns erschien..... ich weiss es nimmer. Und meistens kam er nicht zu Unrecht.
Die ersten Fragen, die er stellte, waren immer die gleichen : Wo waren wir Zwei zu dem und dem Zeitpunkt gewesen und wer konnte das betätigen ? Dass Mutter damals oft sauer war, ist mir heute mehr als klar. Uns beide, vor allem Fritz, interessierte es nicht weiter, dass sie ausgiebig damit beschäftigt war, unsere zerrissenen Klamotten wieder herzurichten und unsere Beulen und Verletzungen, die wir uns gegenseitig beibrachten, - oder von anderen beigebracht bekamen, zu behandeln. Viele Jahre später, als wir erwachsen waren, sprachen wir öfters von dieser Zeit, lachten darüber, hätten aber auch gerne viele Ereignisse, grade die, die Muter betrafen, rückgängig gemacht.
Wie schön wäre es gewesen, wenn wir die Fehler von damals hätten ausbügeln und ungeschehen machen können. Nun, dies ist das Vorwort zu einer Reihe von einigen kleinen Geschichten über meine Kinderzeit mit Fritz und den Abenteuern und Erlebnissen, die ich mit ihm erlebte und die, so glaube ich, es wert sind, dass sie niedergeschrieben werden. Denn diese kleinen Geschichten zeigen, wie schön unsere Kinder u. Jugendzeit oft war.
Für mich bleibt diese Zeit unvergessen.
E. Hahn
Kahnfahrt auf der Lehmgrube in Tschernowitz
Es war ein heisser Sommertag und jeder schwitzte, - sogar der grösste Faulenzer. Also beschlossen mein Bruder Fritz und ich, zur Lehmgrube, wo man bis vor einigen Jahren Ziegel hergestellt hatte und die voll Wasser gelaufen war, zu gehen und uns dort abzukühlen. Bevor wir loszogen, verschwand Fritz mit der Bemerkung, er sei gleich wieder da. Was mochte er denn jetzt wieder vorhaben? Schliesslich sah ich ihn um die Hausecke kommen. Aber was schleppte der narrische Kerl denn da auf seinem Buckel?
Ich traute meinen Augen kaum, - er hatte doch tatsächlich Mutters guten, alten Waschtrog, ein hölzernes Ungetüm, entführt und meinte: " Wir wollten doch schon immer eine Kahnfahrt machen und das werden wir heute tun. Du kannst Kapitän spielen und ich bin der Steuermann. Ich glaube, das wird uns viel Spass machen". Da war ich mir aber nicht so ganz sicher, denn was er vielleicht vergessen hatte : Wir konnten damals beide noch nicht schwimmen. Doch anscheinend störte das meinen abenteuerlustigen Bruder nicht weiter.
"Du brauchst keine Angst zu haben, das alte Ding trägt uns beide ganz sicher, es kann uns gar nichts passieren", so überging er meine Bedenken und forderte mich auf, mit anzupacken, denn der Trog hatte doch ein ganz schönes Gewicht.
An der Lehmgrube angekommen, brachten wir unser Prachtstück zu Wasser und ich musste als Erster darin Platz nehmen. Dann schob Fritz uns weiter ins Wasser, schwang sich, mit viel Schaukelei, in unser Abenteuerboot und los ging die Fahrt.Am Anfang hatte ich noch Angst, doch ich muss zugeben, nach kurzer Zeit machte mir die Sache Spass.
Es war schön auf dem Wasser, wir wurden übermütig in unserem schwankenden Kahn, spritzten uns gegenseitig nass - jedenfalls hatten wir eine Menge Spass. Ich weiss bis heute nicht, wie es passierte, ob Fritz den Spund, der für den Wasserablauf gedacht war, mit Absicht oder nur aus Versehen herausgezogen hatte, auf jeden Fall sassen wir plötzlich im Wasser. Zuerst war nur mein Hintern nass, doch dann merkte ich, dass das Wasser immer höher stieg. Langsam bekam ich Panik, doch Fritz behielt die Ruhe und meinte: " Keine Angst, wir werden schon nicht absaufen, der alte Kasten schwimmt trotzdem, auch wenn er voll Wasser ist".
Und er behielt Recht. Wir hielten uns einfach am Rand fest und paddelten wie die Weltmeister in Richtung Ufer. Vorher mussten wir aber erst noch den Spund holen, der ein ganzes Stück abgetrieben war. Es dauerte zwar eine kleine Ewigkeit, bis wir wieder am Ufer landeten, doch der alte Trog hatte uns wirklich sicher wieder an Land gebracht. Nachdem wir ihn entleert hatten, klopfte Fritz zuerst mal den Spund wieder fest , dann drehten wir ihn um, damit er von innen schön getrocknet wurde und widmeten uns einer anderen, wichtigen Angelegenheit. Fritz war auf Froschjagd gegangen und brachte einige stattliche Exemplare angeschleppt. Während ich den Tierwärter machen und aufpassen musste, dass uns die Viecher nicht entkamen, suchte er einige Strohhalme, die er für einen ganz bestimmten Zweck brauchte.
Einen Frosch nach dem anderen schob er einen Strohhalm in den Hintern. Dann blies er durch die Halme Luft hinein und warf die armen Viecher ins Wasser, wo sie wie wild herumpaddelten, während aus ihren Hintern die Strohhalme wie die Antenne einer Fernsteuerung in die Luft ragten. Verzweifelt versuchten sie mit ihren dicken, aufgeblähten Bäuchen zu tauchen und sich vor uns zu verstecken, doch die Luft, die sie in ihrem Balg hatten, vereitelte all ihre Versuche.
Im Prinzip war das Tierquälerei und mir war die Sache nicht ganz recht, doch Fritz kümmerte sich nicht darum und hatte einen Riesenspass. Der Nachmittag verging für uns wie im Flug und bald war es Zeit, dass wir nach Hause mussten. Jetzt hatten wir nur noch das Problem, den Trog, ohne erwischt zu werden, wieder an Ort und Stelle zu bringen. Natürlich ging es schief und Mutter ertappte uns. Sie war sauer und deshalb verlief der Abend nicht ganz so schön wie der Nachmittag am Wasser.
Doch trotz allem: Es war ein schöner Nachmittag gewesen.
E. Hahn
Mäusejagd in der Schule
"Schule ist blöd und ich langweile mich ganz toll " meinte mein Bruder zu mir. " Es wird höchste Zeit, dass wir mal wieder etwas Leben in die Bude bringen ". Dann fragte er mich, ob ich vielleicht eine Idee hätte. Ich überlegte hin und her, doch ich kam zu keinem Ergebnis. Schließlich brachte Fritz seine Idee zur Sprache. " Als wir das letzte mal mit den Eltern nach Orpus spazierten, hab ich auf einem abgemähten Acker eine Menge Löcher gesehen - Feldmäuse.- Wenn wir uns einige von denen fangen, könnten wir damit einen schönen Zauber in der Schule veranstalten. Kannst du dir vorstellen, was da los wäre ? " Ich muss sagen, er hatte doch immer wieder gute Ideen. Am nächsten Nachmittag machten wir uns an die Arbeit. Mit einer alten Blechbüchse bewaffnet, zogen wir los, hinaus auf den von Fritz auserwählten Acker. Den vielen Löchern zufolge musste es eine Menge Mäuse hier geben und so war es auch. Nach verhältnismäßig kurzer Zeit - wir waren schließlich Experten auf dem Mäusefanggebiet - hatten wir eine schöne Portion von den kleinen Nagern in unserer Büchse. Tierquäler waren wir nicht, deshalb gab es, als wir zu Hause waren, erst mal was zu futtern für sie. Jetzt war zu überlegen, wie wir die Mäuschen unbeobachtet in die Schule bringen konnten. Schließlich kam Fritz auf die Idee, seine Schulhefte und was dazugehörte, in meinen Schulranzen auszulagern und die Nager in seinem zu transportieren. "So können wir sie unbeobachtet rausholen und losmarschieren lassen. Was denkst du, was das für eine Gaudi gibt. Ich kann es gar nicht erwarten, bis es so weit ist."
Einige Tage später schritten wir dann zur Tat. Mein Schulranzen war doppelt so schwer wie sonst. Kein Wunder, bei der doppelten Menge von Schulbüchern und Schreibheften. An der Schule angekommen, informierten wir erst mal unsere Freunde über den geplanten Streich, damit sie nicht aus Versehen quer schossen. Logisch, dass wir allgemeine Zustimmung fanden. Alle waren begeistert von unserer Idee. Als die Schulglocke ertönte, gingen wir voller gespannter Erwartung in unsere Klasse, wo Fritz seinen Ranzen mit dem brisanten Inhalt vorsichtig auf den Boden zwischen seine Beine stellte und auf den richtigen Augenblick wartete, die kleinen Flitzer freizulassen. Unauffällig öffnete er ihr Gefängnis, kippte den Ranzen auf die Seite und beobachtete, wie sie sich auf den Weg machten, froh, aus ihrem Gefängnis zu entkommen. Es dauerte gar nicht lange, da erscholl der erste schrille Quietscher. Eines der Mädchen hatte die Mäuse gesehen und schrie laut los, gefolgt von etlichen anderen. Auf einmal war in der Klasse der Teufel los, eine machte es der anderen nach, sie schrieen, wie es nur Mädchen können und sprangen auf die Pulte, um außer Reichweite der hin und herflitzenden Tiere zu kommen. Es war das totale Chaos im Klassenzimmer, nur wir Buben verfolgten die Sache voller spitzbübischer Freude, allen voran mein Bruder. Unser alter Oberlehrer wusste im ersten Moment nicht so recht, was er machen sollte, doch schon kurze Zeit später hatte er wieder alles im Griff und es kehrte, nachdem einige von uns die Mäuse eingefangen und nach draußen verfrachtet hatten, wieder Ruhe im Klassenzimmer ein. Aber immerhin hatten wir uns eine Auszeit von einer guten halben Stunde erschlichen. Dann wollte Stampfl, so hieß unser Oberlehrer, wissen, wer der Übeltäter war, der ihm diesen Streich gespielt hatte. Natürlich meldete sich niemand, was zu verstehen war, wenn man an die so genannte Apotheke, unseren Naturkunderaum, dachte, in dem er böse Buben zu bestrafen pflegte. Es dauerte aber nicht lange, bis er Fritz und mich als Urheber dieses Streiches ermittelt hatte. An der Strafarbeit, die er uns dafür gab, hatten wir reichlich zu D1knabbern. Außerdem mussten wir auch noch einen Brief von ihm an Mutter mitnehmen, den wir dann, von ihr unterschrieben, wieder bei ihm abzuliefern hatten. Ganz klar, dass es deshalb zu Hause auch noch einige Extras gab. Aber wir, vor allem aber Fritz, waren der Meinung, dass es sich, trotz Bestrafung, doch gelohnt hatte. Für uns war es ein Riesenspaß gewesen, den wir gern noch mal wiederholt hätten, doch die Ereignisse der Zeit, - Kriegsende u.s.w. - gaben uns keine Chance mehr dafür, was wir sehr bedauerten. Ich muss heute noch lachen, wenn ich an dieses Abenteuer denke.
Eduard Hahn
Die Eishockeycracks
Meine Heimat zeigte sich wieder mal von ihrer schönsten Seite. Seit ein paar Tagen hatten wir wunderbares Winterwetter, strahlendblauen Himmel mit Sonnenschein und Temperaturen zwischen 5 u.6 Grad Minus, das Ideale für ein zünftiges Hockeyspiel, auf das wir schon seit Wochen sehnsüchtig warteten. Schon im Sommer, als wir Schwarzbeeren und Pilze sammelten, hatten wir Ausschau nach geeigneten Ästen gehalten für die Schläger, die wir für ein zünftiges Spiel im Winter brauchten. Wir hatten Glück und jetzt lagen in unserem Schuppen einige besonders schöne Exemplare, die wir schon Anfang Dezember bearbeitet hatten und warteten auf ihren Einsatz. Unsere Schlittschuhe, die berühmt - berüchtigten Absatzreißer, hatten wir schon überprüft und hergerichtet. Nun war der Schulteich endlich zugefroren. Mein Bruder Fritz und ich hatten die Festigkeit der Eisfläche geprüft und nur vereinzelt einige Stellen gefunden, die noch nicht so dick gefroren waren. So stand also einem spannenden Kampf nichts mehr im Weg. In der Schule hatten wir uns für den Nachmittag mit unseren Freunden am Teich verabredet und warteten nun voller Ungeduld auf ihr Erscheinen. Wir fingen schon mal an, den Schnee wegzuräumen, denn ohne saubere Eisfläche lief nichts und wir schwitzten schon ganz schön, als endlich die ersten Mitspieler eintrudelten.
Mit vereinten Kräften hatten wir es aber bald geschafft, den halben Meter Schnee, der auf dem Eis lag, an den Rand des Teiches zu schaffen. Jetzt ging es an die Mannschaftsaufstellung, was gar nicht so leicht war. Fritz fing an, zwei Mannschaften zu bilden, was ihm, da wir, mit Verstärkung aus dem Dorf, reichlich Leute waren, auch ganz gut gelang. Natürlich hatte er, so schlau wie er war, für unsere Mannschaft nur die ausgesucht. denen eine Beule, eine blutige Nase oder ein Riss in der Hose nicht viel ausmachte. In dieser Beziehung waren wir alle sowieso nicht besonders zimperlich. Einen Schiedsrichter brauchten wir nicht, denn Regeln waren uns unbekannt. Fritz hatte einen schönen, flachen Kieselstein mitgebracht, der nun auf das Spielfeld geworfen wurde. Und dann ging es los. Wie die Verrückten sausten wir über die Eisfläche, schlugen Haken, warfen uns auch schon mal vor einen Spieler und versuchten, ihm den Stein abzunehmen oder ihn wenigstens so zu behindern, so dass er nicht zum Schuss kam. Nach kurzer Zeit schwitzten wir alle und so flogen nacheinander Mützen und Jacken ans Ufer.
Mir wäre es lieber gewesen, wenn Fritz im Tor gestanden hätte, aber nein, er musste natürlich, wie es so oft der Fall war, mit seinem Dickkopf durch die Wand. Das heißt, er sauste wie ein Rammbock übers Eis, rempelte öfters seine Gegner um und ging so zu manchem Angriff über. In der gegnerischen Mannschaft gab es nur einen, der keine Angst vor ihm hatte. Auf den hatte es mein Bruder abgesehen und ihn attackierte er besonders oft. Beide rempelten sich gegenseitig um und verpassten sich mit ihren Stöcken einige schöne blaue Flecken und Beulen, die sie dann stolz am anderen Tag in der Schule den Mädchen zeigen konnten. Plötzlich schrie einer der Spieler laut " Halt ". Was war passiert? Sein Absatz war abgerissen und sein Schlittschuh wurde nur noch von den vorderen Riemen gehalten. Wir versuchten, den Schaden zu beheben, was uns auch einigerrmaßen gelang. Doch auf Dauer würde unser Flickwerk nicht halten - und so war es auch. Nach einer letzten Runde gab der Absatzlose auf und setzte sich an den Rand des Teiches, während wir anderen unser Spiel fortsetzten. Doch so richtig Spaß machte das Spiel unseren Gegnern nicht mehr, weil ihnen ein Mann fehlte und unsere Mannschaft deshalb stark in Führung lag. Wir wollten das Spiel schon beenden, als die Rettung in Gestalt eines unserer Schulfreunde eintraf, der, um das Spiel zu retten, von Fritz verurteilt wurde, beim Gegner mitzuspielen. Nach etlichen Runden trennten wir uns unentschieden, was meinem Bruder gar nicht gefiel. Also inszenierte er eine schöne Prügelei, bei der dann nach und nach fast alle mitmachten. Am Ergebnis änderte sich dadurch nichts, aber wir hatten uns wieder mal richtig ausgetobt, - vor allem Fritz. Nachdem wir unsere blauen Flecken und Beulen begutachtet hatten, - er hatte sich ein wunderbares blaues Auge eingehandelt und blutete aus der Nase - wollten wir uns in aller Freundschaft trennen und auf den Heimweg machen, doch für den Moment wurde nichts daraus. Vom anderen Ende des Teiches hörten wir nämlich einen lauten Schrei.
Wir guckten und guckten, doch wir konnten niemand sehen. Wo war denn der Schreihals ? Schließlich entdeckten wir ihn doch, das heißt, seinen Kopf sahen wir, alles andere war im Wasser verschwunden. Der dumme Kerl hatte sich die dünnste Eisstelle kurz vorm Ufer ausgesucht und war prompt eingebrochen. Natürlich flitzten wir alle zu ihm, mein Bruder als Erster vorneweg. Und nun zeigte es sich, warum er meistens als Anführer gewählt wurde. Ohne zu zögern, warf er sich längelang aufs Eis, schob sich langsam an unseren Freund heran und versuchte, ihn auf die festere Eisdecke zu ziehen. Einige von uns rissen Latten von dem Zaun, der den Teich umgab und brachten sie Fritz, der versuchte, sie über das Loch zu legen. Doch erst, nachdem auch er im Wasser gelandet war, weil die Bruchstelle immer größer wurde, gelang es ihm, den armen Kerl aus dem Wasser herauszuziehen. Wir waren alle heilfroh, dass es gut abgelaufen war, denn fast jedes Jahr gab es Ertrunkene und so was hätte uns grad noch gefehlt. Keuchend vor Anstrengung und zitternd vor Kälte, standen die Beiden nun vor uns, während ihnen das Wasser am Körper herab lief. Ich schlug vor, dass wir uns schnellstens auf den Heimweg machen sollten, denn immerhin hatten wir ja Minusgrade, doch davon wollte unser Freund nichts wissen. "Wenn ich in diesem Zustand nach Hause komme, bekomme ich eine gehörige Tracht Prügel und bestimmt eine Woche Hausarrest und dann wird es wohl nichts mit einem neuen Spiel. " Das verstanden wir natürlich. Also beschlossen wir, die Gutmütigkeit unserer Mutter auszunutzen und ihn mit zu uns nach Hause zu nehmen, wo er seine Klamotten trocknen und sich aufwärmen konnte. Mutters Freude kann man sich ja vorstellen, als sie uns traurige Gestalten vor sich sah. Doch dann, nachdem sie Fritz und mir ein paar saftige Watschen verpasst hatte, siegte ihr Mitgefühl für die beiden Trauergestalten. Schnell holte sie eine Decke, wickelte erst den einen, dann den anderen fest darin ein und setzte sie an den Kachelofen.
Dann machte sie für uns Drei Hagebuttentee, damit wir auch von innen warm wurden. Nachdem die Beiden wieder etwas warm geworden waren, schickte sie Mutter ins Schlafzimmer, um die nassen Klamotten auszuziehen, die am Kachelofen aufgehängt wurden. Es dauerte nicht lange, dann konnte sich der Unglücksrabe, nachdem er sich verlegen bei Mutter bedankt hatte, auf den Heimweg machen. In seinen Schuhen quietschte und quatschte zwar noch das Wasser, doch er meinte, das wäre schon in Ordnung, bis nach Hause würde er es schon schaffen.
So ging ein Nachmittag, der so schön begonnen hatte, etwas traurig zu Ende.
Trotzdem machten Fritz und ich am nächsten Tag schon wieder Pläne für ein neues Spiel, denn was konnte es Schöneres geben als übers Eis zu flitzen und sich als Hockeycrack zu fühlen.
Eduard Hahn
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Beim klöppeln zugeschaut
Flinke Finger musste man schon haben beim Klöppeln, das war nötig. Wenn ich meiner Großmutter dabei zuschaute, wunderte ich mich immer, wie sie das mit ihren von der Gicht verkrümmten Fingern schaffte.
Lustig sah das aus, wie die Holzspulen mit dem darauf gewickelten Garn durch die Luft sausten und dabei dieses mir gut bekannte hölzerne Klappern verursachten. Jeder konnte erkennen,
welches Muster grade auf dem mit Nadeln gespickten Klöppelsack hing, denn das konnte man gut anhand der auf Papier aufgezeichneten Vorlage erkennen.
Es war sehr interessant, zu sehen, wie ein schönes Wäschestück langsam Formen annahm. Wenn dann die runde, ovale ,vier o.rechteckige Decke fertig war, wurde sie sorgfältig in einer großen, schwarzen Holzkiste verstaut.
Warum diese Kästen schwarz waren, konnte ich nie herausfinden.
Am Bahnhof standen dann die sogenannten Spitzenhändler, überwiegend Frauen,
mit diesen Kisten auf dem Rücken und warteten auf den Zug, der sie in die Städte brachte, in denen sie ihre Produkte verkaufen wollten. In die Städte nicht nur im deutschen Sprachraum,
sondern auch in der Tschechei, Ungarn usw. Erzgebirgische Klöppelspitzen waren im ganzen Land bekannt und wegen ihrer dauerhaften Qualität, Güte und Robustheit bei den Hausfrauen beliebt.
Es war bestimmt mühsam, den ganzen Tag mit diesen großen Kisten auf dem Buckel herumzulaufen und den Hausfrauen die Ware anzubieten.
Wenn ich mit dem Zug zur Schule nach Komotau fahren musste, konnte ich die Spitzenhändler oft auf dem Bahnhof sehen und manchmal, so im Stillen, beneidete ich sie um ihre Reisen.
Eduard F. Hahn
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Mein Bruder und die Jauchedusche
Jedes Jahr, bevor der Winter mit Frost und Schnee kam, machten die Bauern im Dorf ihre Jauchegruben leer. Mit grossen Handpumpen, die, mit hochgereckten Schwengeln, auf jedem Bauernhof und an jeder Jauchgrube standen, füllten sie schwitzend , - denn das war keine leichte Arbeit, - ihre grossen Jauchefässer, die dann auf die Felder gefahren wurden, um diese zu düngen. Das war nötig, denn der Boden im Gebirge war mager und nicht sehr ertragreich. In dieser Zeit konnte man überall im Ort, aber auch in der weiteren Umgebung den kräftigen Geruch, den die gute Kuhpisse, denn daraus bestand die Brühe, erschnuppern. Nicht gerade das Nonplusultra für Stadtbewohner, die ab und zu auf Besuch bei uns waren, doch die Leute bei uns im Dorf fanden die ganze Sache gar nicht so unangenehm. Auf jeden Fall konnten wir damit leben.
Na ja, manchmal schimpften wir schon, wenn wir grad beim Essen sassen und so eine Duftwolke ins Haus geweht kam. Nun kommt mein Bruder Fritz ins Spiel: Wie schon gesagt, war er nie um einen Streich verlegen. Und so fiel ihm auch diesmal wieder etwas ein, womit er die Dorfbewohner erfreuen konnte. Einige Höfe unter uns hatte ein Bauer sein Jauchefass gefüllt, seine zwei Kühe eingespannt und fuhr nun los, die kostbare Fracht auf sein Feld zu bringen. Fritz hatte sich von irgendwoher ein langes Seil besorgt, das er dringend für seine Zwecke brauchte. Kaum hatte der Bauer seinen Hof verlassen, war er schon hinter dem Wagen und befestigte das Seil am Ausflussventil, um es per Fernbedienung zu öffnen. Doch das klappte nicht so, wie er sich das gedacht hatte.
" Wenn es so nicht funktioniert, muss ich´s eben anders machen" meinte er, rannte hinter dem Wagen her, entfernte das Seil und kletterte auf das Fass. Was dann geschah, hätte ich mir im Traum nicht vorstellen können. Unsere Strasse führte dorfauswärts ziemlich steil nach oben und deshalb gab es am Fassende ziemlich viel Druck.
Als Fritz den Hahn geöffnet hatte, fiel er, weil der Weg ziemlich steinig war, das Fuhrwerk deshalb viel holperte und er sich nur mit einer Hand festhalten konnte, vom Wagen und unter die Fontäne, die aus dem Fass herausschoss. Nun lag er auf der Strasse, genau unter der braunen, stinkenden Brühe. Selten hab ich ihn so fluchen gehört, während ich mir, so schadenfroh, wie ich war, den Bauch vor Lachen hielt. Endlich bekam er mal was ab, was ich ihm schon lange gegönnt hatte.
Doch lange dauerte mein Lachen nicht, denn mein liebes Brüderchen war so wütend, dass er sich auf mich stürzen wollte, so dass ich schnellstens Reißaus nahm. Ich sah ihn den ganzen Tag nicht mehr, bestimmt hatte er sich irgendwo verkrochen.
Jeder kann sich vorstellen, was unsere Mutter für ein Gesicht machte, als der Stinkstiefel abends nach Hause geschlichen kam. Etliche Eimer Wasser sorgten erst mal für die Grundreinigung seines Corpus und der Klamotten, bis ihn Mutter in die Badewanne steckte und er sich von Kopf bis Fuß gründlich mit Schmierseife waschen musste. Trotzdem wich der Gestank nicht so schnell von ihm.
Übrigens, Gestank: Bis der Bauer auf seinem Feld ankam, war sein Fass leer und die gute Brühe hatte sich auf der Strasse verteilt, von wo sich nun der kräftige Geruch durch den ganzen Ort verteilte. Dass uns die Dorfbewohner dafür dankbar waren ist doch klar, oder?
Der Bauer hatte sich schon gewundert, dass seine Kühe den Wagen so unbeschwert den Berg hinaufgezogen hatten. Doch nachdem er festgestellt hatte, dass er ein leeres Fass fuhr, wusste er Bescheid.
Noch lange wurde im Dorf, vor allem aber in der Schule, über meines Bruders Jauchedusche geredet.
Aber das kennt ja jeder: Wer den Schaden hat, braucht für den Spott nicht zu sorgen.
E. Hahn
Fritz in der Grube
Juli 1939. Es war ein schöner, warmer Sommertag. Mein Bruder Fritz und ich hatten von Mutter, - weil wir wieder mal etwas ausgefressen hatten, - Hausarrest bekommen und spielten deshalb auf dem Dachboden des Bauernhauses, in das unsere Familie vor kurzem umgezogen war. Wir hatten im ersten Stock die grosse Tür, durch die früher das Heu auf den Boden geschafft worden war, weit offen, damit wir Licht auf unserem Spielplatz hatten. Mein Bruder hatte am Bach, der nicht weit von unserem Haus entfernt von Reischdorf nach Pressnitz floss ,einen Frosch gefangen und nun musste das Viech ganz dringend untersucht werden. Plötzlich machte der Stinker einen Satz und stürzte sich todesmutig durch die Bodentür in die Tiefe. Wir zwei waren natürlich sehr erschrocken, denn mit so was hatten wir nicht gerechnet. Ein Kamikazefrosch - das hatten wir noch nicht erlebt. Währenddessen hatte unten im Hof eine Tragödie begonnen. Die Hühner, die da unten herumstolzierten und nach Futter suchten, waren über das feine Fressen, das aus der Luft zu ihnen kam, sehr erfreut, stürzten sich voller Eifer auf den armen Frosch und attakierten ihn mit ihren Schnäbeln. Da hatten sie allerdings die Rechnung ohne den Wirt gemacht.
Mein Bruder, der von oben ansehen musste, wie die Hühner auf dem armen Quaker herumpickten, machte es dem Frosch nach - mit einem Sprung war er draußen und landete im nächsten Moment unten im Hof bei Frosch und Hühnern. Mit lautem Gegacker und wildem Flügelschlagen waren innerhalb von Sekunden sämtliche Hühner verschwunden - und mit ihnen Fritz.
Ich guckte und guckte, konnte ihn aber nicht entdecken. Dann kam des Rätsels Lösung:
Jedes Haus in unserem Ort hatte seine eigene Abwassergrube, in der Spülwasser, Wasser vom Wäschewaschen und die Abwässer von der Toilette gesammelt und die dann turnusmäßig geleert wurde.
Als Fritz in den Hof gesprungen war, landete er auf den Brettern, die unsere Grube abdeckten.
Leider waren diese in einem sehr desolaten Zustand und brachen deshalb unter seinem Gewicht, sodass er nun in der Sch. stand. Deshalb, und weil nur noch sein Kopf aus der Grube herausschaute, hatte ich ihn nicht gleich gesehen. Ich war schon sehr froh, dass er überhaupt noch da war und anscheinend auch noch ohne Knochenbrüche. Als er endlich aus dem stinkenden Loch herausgekrabbelt war, hielt er triumphierend eine Hand in die Höhe : Er hatte den Frosch gerettet und damit den Hühnern ihr Frühstück vermasselt.
Aber der Gestank !!
Mutter steckte ihn mehrere Male in die Badewanne und schrubbte ihn mit Kernseife ab, aber der kräftige Geruch hielt sich hartnäckig. Einige Tage hielt er sich überwiegend im Freien auf, was uns allen nur recht war. Kurze Zeit wurde er in der Schule von seinen Klassenkameraden ganz schön gehänselt und verspottet, aber irgendwann wurde er in deren Gesprächen zum Helden, der einem armen, kleinen Frosch das Leben gerettet hatte. Und in diesem Heldentum sonnte er sich auch reichlich.
Dies war nur ein Abenteuer von vielen, die Fritz und ich erlebten und etwas, worüber ich heute noch schmunzeln kann. Als ich mit meinen Eltern und meiner Frau viele Jahre später meine Heimatstadt besuchte, gingen wir auch den Weg entlang, von dem man die Rückseite des Hauses sah, wo dieser Sprung stattgefunden hatte.
Mutter fragte mich, ob ich mich noch daran erinnern könne und dann lachten wir von ganzem Herzen über diese Episode, die zum Glück ohne Schaden für meinen Bruder ausgegangen war.
E. Hahn
Hornissenstiche
Eines Tages kam mein Bruder ganz aufgeregt von der Schule heim.
"Mensch", sagte er zu mir! " ich hab was ganz Tolles entdeckt, du wirst staunen. Nach dem Essen werden wir uns die Sache mal angucken, ich denke mir, das könnte was für uns sein".
Natürlich wollte ich von ihm wissen, um was es denn eigentlich ginge. "Ich hab ein Hornissennest entdeckt und ich glaube, dass es ein grosses ist. Das können wir ausräuchern, das wäre doch toll oder nicht? Es liegt direkt neben unserem Schulweg, wir brauchen also gar nicht weit zu laufen". Unser Mittagessen war an diesem Tag nur von kurzer Dauer, so eilig hatten wirs, dorthin zu kommen. Fritz hatte recht, es musste ein grosses Nest sein, denn über dem Eingang und rundherum schwirrten eine ganze Menge der stechfreudigen Viecher. Vorsichtig pirschten wir uns näher an den Bau heran, denn keiner von uns wollte gestochen werden."Also, wie gehen wirs an" fragte mich Fritz. "Ich denke, wir werden ein Feuerchen machen, um die Viecher aus ihrem Bau zu treiben. Ich fang schon mal an, Feuerholz zu sammeln, während du den Bau nach einem zweiten Ausgang absuchst, es könnte ja sein, dass sie sich einen Notausgang angelegt haben"? Nachdem ich genügend trockenes Holz, ein paar alte Zeitungsfetzen und trockenes Gras zusammengetragen hatte, schoben wir mit langen Ästen den ganzen Kram vorsichtig auf den Bau. Schon jetzt wurden die Viecher nervös und schwirrten über ihrem Bau herum wie eine Kompanie Hubschrauber. Fritz hatte einen ziemlich langen Ast gefunden, um den er Zeitungspapier wickelte und dieses anzündete. Dann näherte er sich vorsichtig dem Bau und legte den Stock mit dem brennenden Papier auf das aufgeschichtete Holz, das auch gleich zu brennen anfing.
Oho, jetzt ging aber die Post ab. Mit wütendem, lautem Summen kam ein ganzer Schwarm aus dem Bau und ging auf uns los. Natürlich verbrannte ein grosser Teil von ihnen, aber der andere Teil hatte es auf uns abgesehen. Wir schlugen wie verrückt um uns und rannten so schnell wir konnten davon, nur weg von diesem verdammten Nest. Auch in grösserer Entfernung summten noch ein paar einzelne von ihnen um uns herum, aber nach einem neuerlichen Spurt hatten wir sie endlich abgeschüttelt und liessen uns, fix und fertig, auf dem Rasen nieder.
Jetzt erst spürte ich den brennenden Schmerz in meinem Bein. Hatte mich doch tatsächlich so ein Mistvieh erwischt und vor lauter Rennen hatte ich das gar nicht mitbekommen. Erst jetzt stellte sich der Schmerz ein. Gleichzeitig merkte ich, wie mein Bein anschwoll.
Auch Fritz hatte einen Stich abbekommen, allerdings wars bei ihm schlimmer, weil er in die Wange gestochen worden war. Schon jetzt war sein Gesicht ziemlich dick geschwollen und würde es wohl auch noch mehr werden. Was würde Mutter sagen? Uns ging schon jetzt die Muffe. Niedergeschlagen machten wir uns auf den Heimweg. Doch zu Hause kam alles ganz anders als wir gedacht und befürchtet hatten. Als Mutter ihre ramponierte Krieger sah, musste sie wohl Mitleid mit uns bekommen haben, denn statt der erwarteten Abreibung lachte sie uns nur aus und meinte: "Das geschieht euch ganz recht, warum müsst ihr auch die armen Tiere ärgern und stören. Und wenn ihr schon so was machen wollt, dann hättet ihr eben vorsichtiger sein müssen".
Da hatte sie allerdings recht, wir hätten besser aufpassen müssen. Eins versprachen wir uns gegenseitig, beim nächsten Mal würden wir noch besser aufpassen und noch vorsichtiger sein. Denn dass dies unser letzter Bau gewesen sein sollte, den wir zerstören wollten, glaubten wir nicht. Dafür hassten wir Hornissen viel zu sehr und nicht nur wir, auch andere Leute taten das.
Am nächsten Tag hatten unsere Schulfreunde einen guten Grund zum Lachen, denn Fritzens Gesicht war angeschwollen wie ein Kürbis und man konnte kaum noch die Augen sehn.
Dass seine Schulfreunde ihn auslachten, passte ihm gar nicht und so fing er auch gleich eine Rauferei an unter dem Motto: Ich hab sowieso ein geschwollenes Gesicht, also können mir ein paar Treffer auch nicht mehr viel schaden. Nachdem unser Lehrer die Kontrahenten wieder zur Ruhe gebracht hatte, ging der Unterricht dann doch ziemlich ruhig zu Ende. Auf dem Nachhauseweg schauten wir natürlich bei unserem Bau vorbei, um zu sehn, was sich dort getan hatte.
Plötzlich packte Fritz mich am Arm :
"Guck mal, da kommen doch noch welche raus". Tatsächlich, aus einem Loch in einiger Entfernung vom eigentlichen Bau kamen immer wieder mal einige der Tiere heraus. Jetzt wussten wir auch, warum uns sie uns so schnell eingekreist hatten. Voller Wut sammelte Fritz einige grosse Steine und bombardierte damit den Bau und auch den zweiten Ausgang. Natürlich schloss ich mich ihm an, denn mein Bein tat noch ganz schön weh und ich hatte deshalb Wut im Bauch. Die Bombardierung war das Ende des Baues. Fritz war der Ansicht, wir sollten uns lieber wieder auf Ziesel u. Wieseljagd begeben, denn das wäre doch ungefährlicher. Ausserdem könnten wir uns dabei auch noch ein par Mark Taschengeld verdienen. Die Felle der kleinen Nager waren nämlich begehrt und wurden dementsprechend bezahlt.
Also schlossen wir das Kapitel Hornissen ab und freuten uns auf ein neues Abenteuer.
Eduard Hahn
Eine Bobfahrt
Eine Woche lang hatte es geschneit, nun lagen ca. 60-70 cm wunderbarer, pulveriger Neuschnee , eigentlich ideal zum Schifahren. Doch Fritz und ich sowie unsere Schulfreunde hatten was anderes im Sinn.
Wir warteten voll Sehnsucht darauf, dass der von etlichen starken Pferden gezogene Schneepflug endlich die Strasse räumte, denn wir wollten gerne mit unseren Schlitten die Dorfstrasse hinabsausen.
Zu diesem Zweck wurden mehrere Schlitten mit ihren Zugleinen verbunden, so dass sie eine schöne, lange Schlange bildeten. Endlich hatte der Schneepflug die Strasse geräumt und die letzten fünf, zehn cm über dem Splitt schön fest und glatt gemacht. Fritz war unterwegs, unsere Schulfreunde zu alarmieren.
Doch zwei kamen ihm schon zwei auf halbem Weg entgegenkamen. Die hatten dieselbe Idee wie wir und deshalb noch weitere zwei Freunde von unseren Absichten in Kenntnis gesetzt.Nun standen sechs o. sieben Schlitten mit je zwei Mann Besatzung pro Schlitten unter der Brücke am Wächterhaus bereit zur Abfahrt.Nachdem wir sie zusammengehängt hatten, mussten wir erst mal den Steuermann auswählen. Das war der wichtigste Mann im Team. Auf ihn kam es an, wo unsere Schlitten mit uns landeten oder wen oder was wir rammten o.überfuhren. Natürlich drängte sich, wie immer, einer ganz besonders vor : Mein Bruder, der sich kein Abenteuer entgehen liess und der immer versuchte, als Erster an der Spitze zu stehen, was ihm auch sehr oft gelang. Nach einigem Hin und Her wurde er für die erste Fahrt angenommen und nahm auf dem zweiten Schlitten Platz.
Damit er gut sehen und dementsprechend lenken konnte, musste der Mann auf dem ersten Schlitten sich hinlegen.
Mein Bruder gab das Kommando zur Abfahrt und los gings. Einige von uns rannten nebenher und schoben uns an, damit wir erst mal in Fahrt kamen. Am Anfang hatten wir noch nicht sehr viel Tempo drauf, doch dann wurden wir immer schneller. Jetzt kam es auf das Geschick des Lenkers an, damit wir nicht aus der Spur kamen und irgendwo in einem Graben oder an einer Hausmauer landeten. Denn durch die Länge, die unser Konvoi erreicht hatte, schlugen die letzten Schlitten bei jeder Lenkkorrektur wie der Schwanz einer Schlange nach links und rechts aus und er musste sehr aufpassen, dass er nicht eines der Hühner, die unseren Weg kreuzten, zu Matsch fuhr. Ich fragte mich, wie die Fahrt wohl enden würde, denn wieder einmal hatte mein Bruder seine eigene Idee : Ohne zu zögern, riss er den Lenkschlitten herum, machte einen ziemlich scharfen Bogen - ich dachte noch, was hat er denn jetzt vor - und schon bretterten wir über den Hof des Schielbauern.
Eine Ziege, die grad über den Hof marschieren wollte, machte vor Schreck einen Luftsprung über uns hinweg und verschwand blitzschnell wieder im Stall. Durch den scharfen Bogen, den Fritz gesteuert hatte, sah die Reihe unserer Schlitten jetzt wie eine sich windende Schlange aus. Ausserdem fehlte vom letzten Schlitten das Personal, - das hatte es einfach herabgeschleudert. Viel passiert war unseren Freunden nicht, zum Glück waren sie in den hohen Schneewällen, die der Schneepflug zurückgelassen hatte, nach einem kurzen Flug unbeschadet gelandet. Aber das bekamen wir erst später mit, denn trotz des kleinen Malheurs fuhren wir weiter und sausten die Dorfstrasse hinunter. Beinah hätten wir noch einen Mann umgenietet, der grad die Strasse überqueren wollte und sich nur durch einen Sprung vor unserem Schnellzug in Sicherheit bringen konnte.
Sein Schimpfen hörten wir schon nicht mehr, so schnell waren wir vorbei. Weiter gings, die Dorfstrasse hinab, vorbei an der oberen Schule, wo uns der Schuldiener mit offenem Mund nachstarrte, immer abwärts in Richtung Pressnitz. Mittlerweile hatten wir so ein Tempo erreicht, dass es Fritz immer schwerer fiel, zu lenken.
Und so kam es, wie es kommen musste: Am unteren Schulteich verlor er die Kontrolle über seinen Konvoi, wir durchbrachen den Zaun und sausten auf den zugefrorenen Teich. Der Fahrer auf dem ersten Schlitten war ohne nennenswerte Verletzungen durchgekommen, abgesehen von ein paar blauen Flecken, aber Fritz hatte es erwischt. Er blutete im Gesicht und als er sich aufgerappelt hatte, sahen wir, dass er hinkte.
Ausserdem war sein Jackenärmel zerfetzt und in seiner Hose klaffte ein schöner, langer Riss. Wir anderen waren mit kleinen Schäden davongekommen und lösten nun die Leinen, mit denen unsere Schlitten verbunden waren, damit wir sie aus dem Durcheinander, das entstanden war, rausholen konnten.
Von der Einfriedung des Teiches waren ein paar Bretter zu Bruch gegangen, die wir einsammelten und so gut es ging, wieder an Ort und Stelle brachten, dann verschwanden wir so schnell wir konnten vom Ort unserer Übeltat und machten uns auf den Rückweg. Wie sich herausstellte, war Fritz nicht viel passiert, er hatte nur eine Menge blaue Flecken und einige blutende Schmarren im Gesicht. Nur die kaputten Klamotten machten ihm einige Sorgen. Das würde wieder ein Theater mit Mutter werden, davor hatte er jetzt schon Schiss.
Doch obwohl er immer noch leicht hinkte und auch die Schmarren im Gesicht noch gelegentlich bluteten, liess er nicht locker und überredete uns, noch mal eine Fahrt zu machen, allerdings jetzt mit einem anderen Lenker.
Diese Fahrt war schöner als die erste, weil jetzt auch noch ein richtiger Bob - mit Lenkrad,- gesteuert vom Sohn des wohlhabenden Gemüsehändlers Schiller, an unserer Fahrt teilnahm. Dieses Mal endete die Fahrt ohne Schäden an Leib und Material und so trennten wir uns nach diesem Abenteuer zufrieden voneinander, mit dem Versprechen, irgendwann in den nächsten Tagen wieder so eine schöne Fahrt zu machen. Auch diesmal, wie schon öfter, hatte mein Bruder seinen Kopf durchgesetzt und gezeigt, wer von uns der Anführer war und es wahrscheinlich die nächste Zeit auch bleiben würde.
Zu unserer Freude bekamen wir in diesem Winter noch mehrmals Gelegenheit zu einigen tollen Fahrten, die sich manchmal bis in den späten Abend hinzogen, so dass wir am ersten Schlitten eine Fackel, die fürchterlichen Qualm machte, befestigten, damit uns jeder, der auf der Strasse war, sehen konnte.
Und wenn ich mir die zwei, drei anderen Gespanne, die an diesem Spass teilnahmen, ansah, konnte ich mir vorstellen, wie schön unsere Fuhre aussah.
So schöne Wintertage und Abende habe ich leider nicht mehr oft erlebt. Schade darum.
Eduard Hahn
Beim Bäcker
Heute musst du wieder mal zum Rimplbäck, ein Brot holen. Unseres reicht grad mal noch für morgen früh“, meinte Mutter zu mir.
O ja, das tat ich gerne, denn in der Backstube bei unserem Bäcker fühlte ich mich wohl. Dieser warme, von tollen Gerüchen durchzogene Raum war mein Ding.
Wenn der Bäcker gut gelaunt war, durfte ich ihm bei seiner Arbeit zusehn, allerdings mit der Auflage, „das Maul zu halten“, wie er sich ausdrückte.
Und so schaute ich zu, wenn er mit seinen starken Armen den Teig aus der Backmulde holte und auf den Arbeitstisch klatschte, um daraus gleichmäßige Klumpen zu formen.
Aus diesen Klumpen wurden dann unter seinen geschickten Händen schöne Brotlaibe, Brezeln oder Semmeln. Zu allererst stäubte er die Arbeitsplatte gleichmäßig mit Mehl ein, damit der Teig nicht darauf hängenblieb.
Dann begann der Kraftakt des Knetens. Nach einer Weile begann er zu schwitzen und musste sich öfters den Schweiß mit einem großen, blauweißen Tuch vom Gesicht wischen.
Ab und zu fiel auch mal ein Tropfen auf den Teig, was ihn aber nicht weiter zu stören schien. Mich auch nicht, denn ich dachte mir, daß dieses Tröpfchen im Backkofen schon verschwinden würde.
Endlich war er mit dem Kneten fertig und nun ging es ans Formen der Brotlaibe. Also, in der Beziehung hatte er was los, denn in ganz kurzer Zeit lagen etliche von ihnen auf seinem Tisch.
Den Backofen hatte er schon ganz früh angeheizt und nun dauerte es nicht mehr lange, bis er mit einer Holzpritsche, auf die er die fertigen Laibe gelegt hatte, diese hineinschob. So, Ofenklappe zu, Riegel vorgeschoben, das wars gewesen.
Jetzt verließen wir beide die Backstube und gingen in den Verkaufsraum, der sich im vorderen Teil seines Hauses befand. Dort erwartete mich schon die Bäckersfrau mit einem frischgebackenen Brot. Nachdem ich bezahlt hatte, kam das, was ich sehnsüchtig erwartet hatte:
Der Bäcker selbst schob mir eine schöne, braune Semmel zu und meinte, bei einem solchen Kunden wie ich es sei, wäre das doch angebracht.
Das mit dem „solchen Kunden“ verstand ich zwar nicht, aber über die Semmel freute ich mich sehr, denn nicht immer hatte der Rimplbäck so gute Laune wie heute.
Bis ich zu Hause ankam, hatte ich selbstverständlich das Prachtstück schon verdrückt, was mir Mutter wohl auch ansehn mochte, denn sie schaute mich so komisch an, schmunzelte aber dabei.
Damit dürfte wohl klar sein, dass ich nicht nur wegen der schönen warmen Backstube so gern zum Bäcker ging.
Eduard F. Hahn
Biegeis
Es war Winter im Erzgebirge geworden. Als ich eines Morgens aus dem Fenster sehen wollte, waren sie zugefroren und wunderschöne Eisblumen bedeckten das Glas. Die Temperatur war bis weit unter Null gefallen. In der Nacht hatte es ein wenig geschneit, Bäume, Sträucher und Hausdächer waren wie mit Puderzucker bestäubt. Wunderschön sah unser Dorf von hier oben aus. Für meinen Bruder Fritz und mich wurde es Zeit, uns auf den Weg zur Schule zu machen. Immerhin waren es bis dorthin 2-3 km, das heißt, wir waren, mit ein paar neugierigen Abstechern nach links und rechts der Straße, mehr als eine halbe Stunde unterwegs. Wegen des kalten Windes, der vom Keilberg herabwehte, hatten wir uns warm angezogen und so marschierten wir bergabwärts zu unserer Schule.
Unsere Ranzen hatten wir, um die Hände frei zu haben, in Rucksäcke gepackt. In der Nacht hatte es zum ersten Mal richtig gefroren und als wir an unserem Ziel ankamen, hatte sich auf dem Schulteich eine Eisschicht gebildet. Einige aus unserer Klasse waren schon über die Absperrung geklettert und untersuchten die Stärke der Eisdecke. " Höchstens ein Zentimeter " meinte einer.
"Na ja, um Biegeis zu machen, ist es noch zu dünn, da müssen wir schon noch etwas warten " war meines Bruders Ansicht. Die Schulglocke beendete alle Diskussionen und Gespräche. Am nächsten Tag konnten wir es kaum erwarten, zum Teich zu kommen. Doch es hatte sich nicht viel geändert. Noch immer war die Stärke des Eises zu gering.
Endlich, zwei oder drei Tage später war die Temperatur noch tiefer gefallen, jetzt musste es doch endlich so weit sein. Mir war klar, dass mein liebes Brüderchen, wie immer, der Star des Tages sein wollte und so kam es dann auch. Als er über die Absperrung kletterte und vorsichtig auf das Eis trat, warteten wir anderen gespannt auf die Meinung des Platzhirsches. Mit den Absätzen schlug er ein paar mal aufs Eis, - es hielt. " Ich denke, heute könnten wirs probieren " erklärte er und kletterte wieder zurück . " Achtung, der Stampfl kommt " hörte ich jemand sagen und schon stand unser alter Oberlehrer hinter uns.
"Na, ihr Lausbuben, was habt ihr denn vor ? Ihr wollt doch wohl nicht aufs Eis?" " Aber Herr Oberlehrer, was denken sie denn von uns " ließ sich mein Bruder vernehmen. " Das Eis ist doch noch viel zu dünn und wahrscheinlich würde es brechen und wir im Wasser landen. So wie es aussieht, würde doch jeder, der auf dieses Eis geht, glattwegs einbrechen." " Na gut, wenn ihr das einseht, ist ja alles in Ordnung" meinte der alte Mann und verschwand wieder. Kaum hatte er uns verlassen, stand Fritz auch schon auf dem Eis.
Vorsichtig machte er zwei, drei Schritte und prüfte dabei die Stärke der Eisdecke. Im Moment hielt sie noch. " Na los, jetzt komm schon, du siehst doch, dass es dick genug ist, um uns zu tragen. Und eins steht fest, wenn wir jetzt aufs Eis gehen, waren wir Zwei die ersten, die sich getraut haben.
"Mehr überredet als überzeugt betrat auch ich die Eisfläche. " So, jetzt fang mal schön langsam mit Schaukeln an, es wäre doch gelacht, wenn wir kein Biegeis zu Stande brächten" meinte er. Ganz langsam gingen wir hoch und dann in die Knie und wieder hoch und wieder runter.
Das Eis knirschte verräterisch, doch im Moment hielt es noch. Unsere Schulfreunde johlten, als sie sahen, wie die Eisfläche langsam anfing, sich von einer Seite zur anderen in kleinen Wellen zu bewegen. Es war ein toller Anblick. Eigentlich war es unglaublich, dass man Eis so bewegen konnte, aber wir wussten, dass es möglich war. Schließlich hatten wirs schon im letzten Winter fabriziert. Die Zurufe unserer Freunde wurden immer lauter und feuerten uns an, noch etwas mehr zu wippen. Doch leider ging die Sache nicht mehr lange gut. Es knirschte immer lauter und bevor wir uns in Sicherheit bringen konnten, brach die Eisfläche endgültig und wir standen im Wasser, - standen deshalb, weil unsere Rucksäcke auf dem Eis lagen und uns nicht untergehen ließen. Aber bei jedem Versuch, aus dem Loch herauszukommen, brach es immer wieder ab, so dass wir bald ein großes Loch geschaffen hatten. Damit sah es für uns nicht besonders gut aus. Bestimmt wären wir nicht so schnell aus dem Wasser herausgekommen, wenn nicht einer unserer "Zuschauer" auf die Idee gekommen wäre, ein Brett zu organisieren, das er uns nun übers Eis zuschob.
Mit dessen Hilfe und mit mehr oder weniger Geschick konnten wir jetzt aus dem eiskalten Wasser klettern. Verdammt noch mal, hier draußen war es ja noch kälter als im Teich. Schon fing ich an zu zittern. " Was nun, willst du heim und dir ein Paar Ohrfeigen abholen, oder gehen wir gleich in die Klasse? " fragte mich Fritz. " Ich jedenfalls, ich denk, das ist besser als der weite Heimweg." Ich entschied mich für den Weg nach Hause und marschierte los, um in Bewegung zu bleiben und damit wenigstens teilweise die Kälte zu vertreiben. Je mehr ich mich unserer Wohnung näherte, desto steifer wurden meine Klamotten. Bei jedem Schritt knirschte es und bald konnte ich die Knie nicht mehr richtig bewegen. Es kam mir wie eine Ewigkeit vor, bis ich endlich bei uns vor der Haustür stand. Jetzt musste ich nur sehn, dass ich frische Klamotten an meinen Corpus delikti bekam. Das war leider leichter gesagt als getan.
Ich hörte Mutter im hinteren Zimmer herumwirtschaften und glaubte schon, unbeobachtet aus dem Schrank im Vorraum ein paar warme Sachen ergattern zu können, doch leider hatte ich schlechte Karten. Mutter hatte alle Wintersachen im Schrank im hinteren Zimmer deponiert, weil es dort wärmer als im Vorraum war. Also keine lange Hose und auch kein warmes Winterhemd, denn im Schrank befanden sich zum jetzigen Zeitpunkt nur Sommersachen. In diesem Moment ging die Tür auf und ich dachte schon, dass Mutter mich ertappt hätte. Zum Glück war es aber Thekla, Mutters Haushaltshilfe. Als sie mich da in meinem Eispanzer stehen sah, grinste sie nur, aber dann legte sie los. Sie griff sich eilends eine Hose, ein Hemd, Socken und Jacke, fand auch noch eine Unterhose und legte mir alles griffbereit. Ich zog mir die nassen Klamotten aus und schlüpfte schnell in die trockenen. Wenn es mir nicht so kalt gewesen wäre, hätte ich mich vielleicht vor der Achtzehnjährigen geschämt, doch im Moment war mir alles egal, auch wenn sie noch so viel grinste. Verdammt, ein paar Schuhe brauchte ich ja auch noch, aber da hatte ich leider Pech. Also zog ich die nassen Treter wieder an, die beim Laufen zwar laut quietschten, mittlerweile aber wenigstens etwas wärmer, wenn auch nicht trocken geworden waren. In Sommerklamotten und nassen Schuhen machte ich mich auf den Weg.
Jetzt merkte ich erst mal, wie kalt der Wind pfiff. Durchgefroren kam ich an der Schule an. Ich rechnete damit, von Stampfl eine gehörige Abreibung zu bekommen, doch die blieb zum Glück aus. Er meinte, ich wäre schon genug bestraft und ließ mich in der Nähe des großen Ofens Patz nehmen, damit ich mich wieder aufwärmen konnte. Mein Bruder hatte seine Abreibung schon bekommen und saß nun etwas geknickt auf seinem Platz, - wahrscheinlich tat ihm der Hintern weh von Stampfls Stock - während sich zu seinen Füßen eine große Pfütze gebildet hatte. Doch Halt, ich sah das Grinsen in seinem Gesicht und wusste, dass er nur schauspielerte.
Als ich die Gesichter meiner Schulfreunde sah, wusste ich auch, warum er so grinste. Er hatte es geschafft, wieder mal der Große Zampano zu sein und genoss es reichlich. Natürlich färbte diese Heldentat auch auf mich ab und so konnten wir kaum das Schulende erwarten. Mit lautem Johlen wurden wir empfangen, als wir auf den Schulhof kamen. Wir waren die ersten gewesen, die es gewagt hatten, aufs Eis zu gehen. Das war schon was. Und dass wir im Wasser gelandet waren, gab der Sache erst die richtige Würze. Der Heimweg fiel mir nicht grade leicht, denn ich fror gottserbärmlich. Als ich endlich zu Hause ankam, wartete Mutter schon mit ein paar saftigen Ohrfeigen auf uns. Ich denke mir heute, dass wir die auch verdient hatten. Dann musste Thekla Wasser aufstellen und wir bekamen ein heißes Bad verabreicht. Anschließend steckte uns Mutter mit einer Tasse Kamillentee ins Bett, wo wir reichlich schwitzten.
Dank dieser Vorkehrungen hatte keiner von uns beiden irgendwelchen Schaden durch unser unfreiwilliges Bad genommen und so endete die Geschichte glimpflich für uns. Nur eins war schade: In den nächsten Tagen wurde es immer kälter und das Eis auf dem Teich immer dicker, so dass es leider für eine nochmalige Vorführung nicht mehr geeignet war. In diesem Jahr gab es deshalb leider keine Biegeis-Show mehr. Aber dafür bekamen wir die Chance, unsere Hockeykämpfe auszufechten. Dass die bei uns sehr beliebt waren, lässt sich ja denken. Doch davon ein anderes mal.
Eduard Hahn
Der getupfte Schimmel
Immer hatte mein Bruder irgendwelche Streiche im Kopf und wenn das mal nicht der Fall war, dann überlegte er so lange, bis ihm etwas Passendes einfiel. So war das auch mit dem Reitpferd unseres Doktors, einem wunderschönen Schimmelwallach. Dem Doc ging sein Pferd über alles und er hätte wahrscheinlich seine rechte Hand für das Tier geopfert, wenn er ihm in einer Schwierigkeit hätte helfen können. Eines Tages rückte Fritz mit seinem Plan, dem Arzt, den er aus unerklärlichen Gründen nicht mochte, einen Streich zu spielen, heraus und fragte mich, was ich davon hielte, dem Gaul ein anderes Aussehn zu verpassen. "Was hältst du davon, wenn wir ihm ein paar schöne, schwarze Tupfen verpassen? Dann könnte er mit dem Pferd des Bankfilialleiters konkurrieren und wir und noch etliche andere hätten was zu lachen." Ich muss dazu sagen, dass der Filialleiter der Staatsbank eine Apfelstute besass, ein wunderschönes Tier und dass diese Zwei die einzigen Reitpferde in unserem Ort waren, denn nur gutbetuchte Leute konnten sich diesen Luxus leisten. Die Idee meines Bruders war gar nicht so schlecht - also machten wir uns ans Werk.
Bei fast jedem Bauern gab es schwarze Huffarbe, womit den Tieren vor besonderen Anlässen die Hufe gepflegt wurden. Diese Farbe zu besorgen war nicht besonders schwer. Schon in den nächsten Tagen kam Fritz mit einer alten Blechbüchse voller Farbe an, die er - wer weiss wo- organisiert hatte. Jetzt mussten wir nur noch herausfinden, wann und wohin der Doktor sein Pferd auf die Weide brachte.
Das hiess für uns: Wir mussten beobachten, beobachten. Nach einigen Tagen hatten wir den Standplatz gefunden und nun konnten wir uns an die eigentliche Arbeit machen. Schon in aller Frühe waren wir am Tatort und warteten darauf, dass der Doc mit seinem Gaul erschien. Nachdem dies geschehen war und er seinen Liebling angepflockt hatte, machte er sich auf den Rückweg und wir hatten freie Bahn, bzw. freie Hand. Zeit hatten wir genug, denn wir hatten herausgefunden, dass er immer erst nach drei, dreieinhalb Stunden zurückkam, weil er ja Sprechstunde halten musste. Damit der Gaul ruhig blieb, musste ich, - auf Anordnung von Fritz, ja, ja, er war der Chef - seine Lieblingsspeise, saftige Löwenzahnpflanzen, rupfen und ihn damit füttern.
Fritz hatte unterdessen einen trockenen Ast besorgt, von dem er ein Stück abbrach. Mit seinem Taschenmesser schnitzte er das eine Ende schön rund, denn damit wollte er die Tupfen machen. Sein Gesicht strahlte vor Freude, als er mit Begeisterung schön gemütlich schwarze Punkte auf das weisse Fell des Schimmels stempelte. Mich wundert heute noch, dass er sich damals vor lauter Eifer nicht die Zunge abbiss.
Nach einer Weile wurde mir das Füttern zu langweilig, ich band den Gaul ganz kurz, damit er nicht so viel Bewegungsfreiheit hatte und half Fritz mit, unser Werk zu vollenden. Als wir damit fertig waren, stand ein völlig fremdes Pferd auf der Weide,- ein Schimmel mit schönen, schwarzen Tupfen. Fritz lachte und strahlte übers ganze Gesicht. " Meinst du, der Doc wird sich freuen, wenn er sein neues Pferd sieht? Vielleicht erkennt er es ja gar nicht mehr wieder. Auf jeden Fall sieht es toll aus." Nachdem ich den Gaul wieder richtig angepflockt hatte, packten wir unsere Sachen zusammen und verschwanden vom Tatort. Zu gerne hätten wir das Gesicht des Besitzers nach seiner Rückkehr gesehen, zogen es aber sicherheitshalber vor, zu verschwinden.
Denn - Vorsicht ist die Mutter der Porzellankiste. Unser Streich hatte grosse Auswirkungen. Der ganze Ort lachte darüber, wie verdattert unser Doc war, als er auf die Wiese zurückkam und seinen Schimmel holen wollte. Natürlich hätte jeder gern gewusst, wer ihm diesen Streich gespielt hatte, doch das kam zum Glück nie heraus.
So weit die Sache mit dem " Schwarzgetupften " bei dem niemand zu Schaden kam, - ausser dem Gaul - und dem waren die Tupfen, so glaube ich, sowieso völlig egal.
Schade, dass die Farbe schon nach einigen Tagen wieder verschwunden war, denn nach Waschen und Striegeln hatte sie sich aufgelöst und nun stand er wieder - in weisser Pracht- auf der Wiese.
Eduard Hahn
Ein Sommernachmittag am Alaunsee
Es war ein schöner Sommertag, viel zu schön, um in der Schule zu sitzen. Wir konnten es kaum erwarten, endlich aus dem Klassenzimmer und hinaus ins Freie, in Luft und Sonne zu kommen. Nun rannten wir in den Schulhof, um unsere Räder zu holen. Ich mein schönes, rotes Radl und Fritz Mutters Fahrrad, mit dem er öfters zur Schule fahren durfte. Damals wohnten wir auf dem Bahnhof Tschernowitz und mussten nach Komotau zur Schule fahren, entweder mit dem Zug oder dem Fahrrad. Immerhin waren es bis zur Schule ca. 5-6 km und das wäre zu Fuss doch etwas weit gewesen.
Nun überlegten wir, was wir mit dem angebrochenen Tag anfangen konnten. Denn nach Hause wollten wir bei dem schönen Wetter noch nicht.
"Weißt du, wir könnten eigentlich wieder mal in die Hügel fahren", meinte Fritz. Mit den Hügeln meinte er die hohen Abraumhalden ganz in der Nähe des Sees, die bei der jahrzehntelangen Gewinnung von Alaun entstanden waren. Alaun war damals sehr begehrt wegen seiner blutstillenden Eigenschaften, auch Vater hatte einen Alaunstein, mit dem er sich die beim Rasieren entstandenen Schnitte behandelte.
Doch irgendwann, noch vor unserer Zeit, waren Quellen in der Grube, die im Tagebau ausgebeutet worden war, ausgebrochen und hatten diese unter Wasser gesetzt. So entstand der bei den Komotauern so beliebte Alaunsee, in dem auch wir Zwei später schwimmen lernten. Übrigens gab es in seinem Wasser kein einziges lebendes Tier, weder Fisch noch Frosch oder sonst ein Lebewesen, was man auf den hohen Alaungehalt zurückführte.
Die Förderung von Alaun wurde eingestellt und im Lauf der Jahre waren die Abraumberge mit Sträuchern und Bäumen bewachsen. Diese Halden waren ein beliebtes Ziel für Radfahrer geworden. Fritzens Idee war gar nicht so schlecht, doch ich dachte mir, es wäre besser, wenn wir erst nach Hause fahren, etwas essen, mit Mutter darüber reden und dann unseren Plan ausführen würden. Fritz nannte mich zwar einen Feigling und Schwächling, gab dann aber schliesslich nach. Also fuhren wir nach Hause, wo Mutter, so wie ich es geahnt hatte, schon mit dem Mittagessen wartete. Nach dem Essen dauerte es eine ganze Weile, bis wir sie so weit hatten, dass sie uns fahren liess. Nun sprangen wir auf unsere Räder und ab gings nach Komotau. Natürlich war Fritz vor mir an Ort und Stelle und hatte sogar schon seine erste Fahrt hinter sich.
Im Lauf der Jahre und mit Hilfe von vielen Radfahrern, die sich hier schon vergnügt hatten, waren die Täler zwischen den einzelnen Hügeln wunderschön glatt geworden, es waren richtige Rennbahnen. Die rote Erde sah aus, als ob man sie extra dafür dorthin gebracht hätte.Wenn man eines der vielen Täler hinabsauste und genügend Tempo drauf hatte, kam man, wie auf einer Achterbahn, auf der jenseitigen Höhe wieder oben an. Es war ein tolles Gefühl, diese steilen Hänge hinab und dann wieder nach oben zu sausen. Manchmal hatten wir auch nicht genügend Geschwindigkeit drauf und rollten rückwärts wieder runter. Das tat aber unserem Spass keinen Abbruch. Ich denke mir, viele der heutigen Kirmesbesucher würden uns um unsere damaligen kostenlosen Berg u. Talfahrten beneiden.
Nachdem wir uns eine Weile ausgetobt hatten, machte ich eine Pause, um mal wieder richtig Luft zu holen und meinen Adrenalinspiegel zu senken, denn mir klopfte ganz schön das Herz. Ausserdem war ich vollkommen ausser Atem.
Doch meinem Brüderlein reichte es noch lange nicht, im Gegenteil, er musste noch einen Zahn zulegen. Was heisst, dass er auf dem normalen Anfahrtsweg ein ganzes Stück zurückfuhr, wendete, wie wild in die Pedale trat und dann mit einem wahren Affenzahn in die Tiefe sauste. Natürlich war seine Geschwindigkeit viel zu hoch, deshalb schoss er nach Überwindung der Steilwand über diese hinaus - und dann mit Karacho in die Hecken, die überall auf den Hügeln wuchsen. Bedauerlich war nur, dass es sich überwiegend um Brombeerhecken mit schönen grossen Dornen handelte. Jetzt lag er da drin und fluchte laut. Es dauerte eine ganze Weile, bis er sich mit meiner Hilfe daraus befreit hatte. Aber wie er aussah: Zerkratzt von oben bis unten, blutig an den Händen und im Gesicht, ausserdem hatten auch seine Klamotten darunter gelitten. Nachdem wir die meisten der Dornen, die in seinem edlen Körper steckten, entfernt hatten, mussten wir das Fahrrad und den Schulranzen , der vom Gepäckträger geflogen war, aus den Hecken rauspulen, was sich als gar nicht so leicht erwies und uns noch einige Schrammen und Risse zusätzlich einbrachte. Dann kam noch ein Schock dazu - das Fahrrad war kaputt. Das Vorderrad sah aus wie eine liegende Acht und der Lenker war auch verbogen. Nun hatten wir die Bescherung. Zu zweit stellten wir uns auf das Rad und versuchten, das Mistding wieder grade zu bekommen. - Doch alles vergeblich. Was sollten wir jetzt tun? Ich machte den Vorschlag, das Rad erst mal zum See zu tragen, dann konnten wir uns überlegen, wie es weitergehen sollte. Fritz schulterte also das Vehikel und wir marschierten zum See. Das heisst, er marschierte und ich fuhr nebenher. Dann wusch er sich an dem Becken, das sich am Eingang des Freibades befand, erst mal das Blut ab.
Der Kassierer in seinem Kassenhäuschen schimpfte, dass das Becken nur zum Trinken da wäre, doch wir achteten gar nicht darauf. Fritzens Gesicht sah aus, als ob er in einen Schwarm Geier geraten wäre, so viele Kratzer und Schmarren hatte er abbekommen. Dann begutachteten wir seine Klamotten. Na, die sahen ja gut aus. An der Hose hatte er einen grossen Winkelriss, ein Hosenbein war der Länge nach aufgerissen und an seinem Hemd flatterten lustig einige Fetzen. Jetzt wurde es uns doch ganz schön mulmig zumute. Was würden unsere Eltern sagen?
Der Kassierer in seinem Kabuff hatte nun doch Mitleid mit uns bekommen und holte Werkzeug, damit wir das Rad ausbauen konnten. Ich lud mir das Unglücksding auf den Gepäckträger und brachte es zu dem Geschäft, wo wir mein Rad gekauft hatten. Der Besitzer lachte, als er mich mit meinem Krempel sah. " Na, dann wolln wir mal sehn, wie wir den Schaden wieder beheben können" meinte er. um Glück gab es damals noch keine Alufelgen, sonst hätte es wahrscheinlich nicht geklappt, was der Meister jetzt tat.
Er stellte sich auf das am Boden liegende Rad, versuchte, es in seinen ursprünglichen Zustand zu bringen und plötzlich, - wie von Zauberhand, sprang die Felge in ihren alten Zustand zurück. " So, meinte der Meister, jetzt müssen wir noch die Speichen nachspannen, dann ist es wieder wie neu". Mir fiel ein grosser Stein vom Herzen.
Aber was würde der Spass kosten? Ich hatte doch gar kein Geld. "
Ach, das kriegen wir schon hin, bei der nächsten Reparatur rechne ich einfach etwas mehr dazu und deine Eltern erfahren gar nichts von eurem Unfall" erklärte mir der gute Mann. Na, da kannte er meinen Vater aber schlecht. Überglücklich bedankte ich mich, packte das Rad auf meinen Träger und fuhr zum See zurück. Nun versuchten wir, verstärkt durch den Kassierer, den Lenker wieder zurechtzubiegen. So einigermassen bekamen wirs auch hin, nur ein kleiner Knick blieb zurück.
Dann machten wir uns auf den Heimweg und hofften, dass unser Unfall unentdeckt bleiben würde, aber natürlich sah Vater, was los war - alleine schon, wie Fritz aussah und am Zustand seiner Klamotten. "Eine Woche Hausarrest für beide," verkündete er " und ausserdem ist das Radfahren für mindestens zwei Wochen gestrichen und du, mein lieber Sohn, bekommst Mutters Rad so schnell nicht wieder in die Finger" meinte er zu Fritz. Wir zwei waren ganz schön geknickt, als er uns, nachdem Mutter unsere Blessuren verpflastert hatte, auch noch in den Schuppen schickte, wo wir zur Strafe Feuerholz hacken mussten.
Dort arbeitete sich Fritz erst mal seine Wut vom Bauch, dass die Holzscheite nur so flogen, doch schon kurze Zeit später war er wieder der Alte und wälzte neue Zukunftspläne.
Oft dachten wir noch an diesen schönen Sommernachmittag und wie blöd er geendet hatte.
E.Hahn
Mein erstes Fahrrad
Einer meiner grössten Wünsche als Kind war ein Fahrrad. Das war mein Traum. Nur sehr wenige Jungs im Dorf hatten eins und wurden dementsprechend von uns beneidet. Da wir alle Wege - zur Schule, zum Einkaufen usw. zu Fuss und das oft auch noch über grössere Entfernungen, machen mussten, war ganz klar und nur zu verständlich, dass ein Fahrrad unser Wunschtraum war.
Da aber meine Familie, wie viele andere auch, über keine grösseren Finanzmittel verfügte, würde dieser Traum wahrscheinlich auch für die nächste Zeit eben nur ein Traum bleiben. Aber in Gedanken malte ich mir doch aus, was man mit einem solchen Ding alles machen könnte. Mit ihm zur Schule, zum Kaufmann, mit den Freunden auf Abenteuerfahrt gehen, vielleicht sogar mal in Richtung Komotau oder Kaaden. Ach, der Möglichkeiten gabs so viele, da hätte ich nicht lange überlegen müssen. Und vor allem die Bewunderung, die ich bei meinen Freunden einheimsen könnte, das wär doch toll. Ich gab einfach die Hoffnung nicht auf, dass es irgendwann doch mal klappen könnte. Und im Moment standen die Aussichten gar nicht so schlecht.
Vater hatte nach langer Arbeitslosigkeit eine gute Arbeit bei der Deutschen Reichsbahn bekommen.
Ich weiss, hätte er es finanziell gekonnt, hätte ich schon lange ein Rad besessen, denn er hatte immer versucht, seinen Kindern das zu geben, was sie gerne wollten, aber es hatte nicht sein sollen. Und dann, ganz heimlich, still und leise, war er plötzlich da.
Der grosse Tag.
Es begann damit, dass Vater eines Abends zu mir sagte : "Ich fahre morgen nach Komotau, ich hab etwas Dringendes zu erledigen und wenn du willst, kannst du mitfahren". Natürlich wollte ich. Ich konnte die Nacht kaum schlafen, so aufgeregt war ich.
Eine Fahrt nach Komotau war schon etwas Besonderes, das gabs nicht alle Tage, deshalb meine Aufregung. Am nächsten Tag beim Frühstück zappelte ich so am Tisch herum, dass Mutter mir eine Kopfnuss gab und mich ermahnte, ruhiger zu werden. Dann gings ab zum Bahnhof. Die Fahrt in die Stadt schien mir endlos. In Komotau angekommen, marschierte Vater ganz zielstrebig los und ich nebenher. Ich kannte die Stadt nur von zwei, drei kurzen Besuchen, war noch nie in diesem Stadtviertel gewesen, in dem wir uns jetzt befanden und fragte mich, was Vater wohl hier zu tun hatte. Doch plötzlich sah ich es: Ein Haus mit einem grossen Schaufenster - und was stand in diesem Schaufenster? Fahrräder In vielen Ausführungen und Farben und die Speichen und Lenker blinkten und blitzten im Sonnenlicht. Ich war ganz aus dem Häuschen. Sollte es wahr sein, dass mein Wunschtraum endlich in Erfüllung ging? Wir betraten das Geschäft, wo uns der Besitzer freundlich begrüsste und mit Vater gleich ein fachliches Gespräch begann. Dann wurden einige der schönen Räder, vor allem wegen der Grösse, begutachtet und natürlich wurde auch über den Preis verhandelt. Vater fragte mich, welche Farbe ich gerne hätte. Selbstverständlich musste es in Rot sein. Kurz und gut, der Händler stellte mir den Sattel auf die richtige Höhe ein und einige Zeit später sass ich auf meinem " Knabenfahrrad ", wie es damals allgemein genannt wurde und drehte einige Ehrenrunden im Hof.
Es war wunderschön und ich wollte gar nicht mehr absteigen. " So, nun reichts aber " meinte Vater, " wir müssen ja noch Verschiedenes einkaufen und das wird auch einige Zeit dauern. " Zum Beispiel muss ich in die Fleischerei Mittelbach " Unter den Lauben ", da will ich etwas Aufschnitt und Schweinefleisch für den Sonntagsbraten holen". Na, das war ja ein toller Tag, dachte ich mir, denn Aufschnitt zum Abendessen, das gabs nicht oft und auf den Schweinebraten mit Sauerkraut und Semmelknödel freute ich mich schon jetzt. Selig schob ich mein Fahrrad neben Vater her, denn in der Stadt erlaubte er mir nicht zu fahren. Bei dem vielen Verkehr sei das zu gefährlich und das bisschen Fahren, das ich auf Mutters altem Rad geübt hatte, würde mir da auch nicht viel helfen. Er erledigte seine Einkäufe, wodurch auch ich die Stadt etwas näher kennenlernte. Ich staunte über die vielen hohen Häuser, vor allem hatten es mir die zwei schönen Kirchen angetan, an denen wir vorbeikamen. Dann landeten wir im Cafe Kugler, wo ein Verwandter von Vater als Pikkolo - angehender Kellner - arbeitete. Dort aßen wir zu Mittag, was mir natürlich einen Riesenspass machte, denn in einem so feinen Lokal war ich noch nie gewesen. Zum Abschluss unseres Tagesausflugs spendierte mir Vater sogar noch ein Eis. Ich hab nie erfahren, warum er an diesem Tag so spendabel gewesen war.
Als ich - viele Jahre später - mit meiner Frau Urlaub in der alten Heimat machte, kehrten wir auch im Cafe Kugler ein und aßen dort zu Mittag. Aber es war nicht mehr so wie früher und ich erkannte es fast nicht wieder.
Als Vater und ich am Spätnachmittag im Zug sassen, der uns wieder nach Hause brachte, hatte ich einen wunderschönen Tag erlebt und war überglücklich. Ich würde viel zu erzählen haben. Nur eins machte mir etwas Sorgen : Hoffentlich passierte meinem schönen Rad, das Vater in den Gepäckwagen gebracht hatte, nichts. Es würde doch wohl keinen Kratzer abbekommen? Doch Vater beruhigte mich. " Es ist ja gut in Pappkarton eingepackt und mit Klebstreifen verklebt, da kann also nichts passieren."
In Reischdorf angekommen, erlaubte er mir, die verhältnismässig kurze Strecke vom Bahnhof nach Hause zu radeln, während er zu Fuss nachkam. Das Gesicht meines Bruders sehe ich heute noch vor mir, als er meine neueste Errungenschaft sah. Natürlich war er traurig und auch ein bisschen neidisch, weil er leer ausging. Immerhin war er ja nur einundeinhalb Jahre jünger als ich und hatte sich auch so ein Rad gewünscht. Doch ich versprach ihm, dass auch er ab und zu damit fahren dürfe, was Mutter sehr nobel von mir fand. Und obwohl es mir schwerfiel, hielt ich mein Wort. Am nächsten Tag fuhr ich gleich mit meinem besten Stück zur Schule. Meine Freunde begrüssten mich mit grossem Hallo und beglückwünschten mich zu meiner Errungenschaft. Und sofort kamen einige Angebote für eine Runde auf meinem Rad. Von Dackern, - Murmeln, wie sie hier heissen, über ein Taschenmesser mit einer abgebrochenen Klinge, eine Zwiesel - Spatzenschiesser - dem Versprechen, immer abschreiben zu dürfen, bis zum Angebot lebenslanger Freundschaft wurde mir so ziemlich alles offeriert, was es gab.
Am Anfang wehrte ich mich natürlich gegen diese Angebote, aber mit der Zeit konnte ich doch nicht mehr widerstehn. Und so wurde ich durch mein Radl zu einem, wie mir schien, ziemlich wohlhabenden Erzgebirger Bub. Nur einmal machte mir mein geliebtes Rad grossen Kummer und brachte mir auch Schmerzen.
Das war Jahre später, als wir innerhalb von zwei Stunden unser Haus verlassen mussten und mich Mutter zum Bahnhof schickte, um Vater zu benachrichtigen oder zu holen. Zwei tschechische "Soldaten" hatten Mutter erklärt, dass wir ausgewiesen und nach Deutschland transportiert würden.
Auf der Rückfahrt fuhr ich mir einen Plattfuss, weil ich's aber so eilig hatte, und weil mein Rad sowieso zurückbleiben musste, nahm ich keine Rücksicht darauf und radelte weiter. Ein tschechischer Soldat holte mich vom Rad und verprügelte mich nach Strich und Faden. Ich würde tschechisches Staatseigentum beschädigen, begründete er sein Vorgehen. Mir war das mit dem Staatseigentum scheissegal, da ich wusste, dass wir sowieso alles, was irgendwie etwas wertvoll war, zurücklassen mussten.
Zu meinem Glück ging ein Kollege von ihm, der die Sache beobachtete, dazwischen. Sonst wäre es wahrscheinlich nicht so glimpflich abgegangen und ich hätte vielleicht mehr als eine blutige Nase und blaue Augen abbekommen.
Trotzdem wünschte ich dem blöden Arsch die Pest an den Hals.
Das war das einzige Mal, wo mir mein geliebtes Fahrrad keinen Spass gemacht hatte.
Auch heute, nach so vielen Jahrzehnten, macht mir das Radfahren immer noch Spass und ich erledige alle Einkäufe und Besorgungen innerhalb unseres Wohnortes mit meinem Fahrrad, das ich jetzt schon zwanzig Jahre besitze. Und so lange ich das körperlich noch kann, werde ich auch dabei bleiben.
Eduard Hahn
Die letzten drei Jahre vor unserer Vertreibung hatte mich die Volksschule in Reischdorf im Erzgebirge als Gast bei sich.
Wenn mein Bruder Fritz und ich nicht etwas Besonderes vorhatten, ging ich ganz gern da hin, auch wenn mein Schulweg vom Bahnwärterhaus, wo wir wohnten, dahin ziemlich weit war – zumindest für meine Begriffe.
Trotzdem war ich froh, dass ich nicht in die Schule im unteren Dorf musste, denn das wäre doch ziemlich weit gewesen, vor allem im Winter, wenn wir nur mit Schneeschuhen und dem Schulranzen im Rucksack auf dem Buckel, den Schulweg bewältigten konnten.
Reischdorf war ein so genanntes Reihendorf und im Großen und Ganzen gab es die meisten Häuser nur entlang der zwei Straßen, sodass sich der Ort ganz schön in die Länge zog. Das Schulgebäude selbst hatte schon einige Jahre auf dem Buckel, trotzdem war es noch gut in Schuss, dank der Pflege des Lehrerehepaares Stampfl. Da wegen des Krieges die meisten Männer an der Front waren und deshalb Lehrermangel herrschte, blieb es Stampfl, dem alten Oberlehrer und seiner Tochter, die auch Lehrerin war, überlassen, die Kinder aus dem Dorf zu unterrichten. Zum Glück waren wir nicht so sehr Viele, die in den zwei Klassen, - von der Ersten bis zur Vierten und der Fünften bis zur Achten, an den alten Holzbänken saßen und mehr oder weniger aufmerksam den Ausführungen des „Lehrkörpers“ lauschten. Stampfl war mein Klassenlehrer, was mir nur recht war, denn ich hatte den alten Mann gern und seine Art zu unterrichten gefiel mir.
Mir machte es Spaß, zu sehn, wie er wie ein Tiger mit seinem Stock, einer von uns zwangsgelieferten Vogelbeerrute, den Mittelgang entlang sauste, um dann mit viel Kraft auf die Bank zu schlagen, wenn er einen unaufmerksamen Schüler ertappt hatte. Bei diesen Angriffen flogen meistens größere Teil seiner Rute durchs Klassenzimmer und wir Schulkinder mussten an einem der nächsten Tage eine neue abliefern. Doch nie bestrafte er einen seiner Schüler vor aller Augen, das machte er nur in der „Apotheke “.
Wir Zwei hatten stillschweigend einen Pakt geschlossen, bei dem der Vorteil klar auf meiner Seite lag.
Da ich in den Fächern Rechtschreiben, Geschichte, Diktat und Aufsatz der Beste und Schnellste in der Klasse war,- kein Wunder bei den wenigen Schülern,- und weil ich schon immer viel schmökerte, musste ich immer das jeweilige Thema an die Tafel schreiben, damit es alle lesen, abschreiben und teilweise in ihre Hefte eintragen konnten. Wenn ich damit fertig war, durfte ich mir aus der „Bibliothek“, einem alten Schrank mit Glastüren, ein Buch aussuchen und, während alle anderen weiter „büffeln“ mussten, still vergnügt Abenteuer in fremden Ländern erleben. Für die „Tafelarbeit“ gab mir Stampfl Nachhilfe in Rechnen, denn da war ich schwach.
Und so war ihm und auch mir geholfen und ich schaffte ohne größere Schwierigkeiten den Klassenabschluss mit einigermaßen guten Noten, was sonst bestimmt nicht der Fall gewesen wäre. Dazu muss ich sagen, dass der gesamte Unterricht eigentlich ganz simpel und auf den einfachsten Lehrmethoden aufgebaut war. Zum ersten mal hörte ich etwas von Wurzelziehen und war ganz überrascht, was es nicht alles gab. In unserer Klasse war es wirklich gemütlich, dafür sorgte schon der große Ofen in der Ecke, der im Winter geheizt wurde und während des Unterrichts mal laut, mal leise vor sich hin bullerte. Ab und zu wurde er von uns mit großen Holzklötzen so gefüttert, dass bald seine Außenwand zu glühen begann. An der Rückseite des Ofens, in sicherer Entfernung, hatte Stampfl einen hölzernen Wäschetrockner aufgebaut, wo diejenigen, die den weitesten Schulweg hatten, ihre nassen Klamotten trocknen konnten. Unter dem Trockner standen immer reichlich Schuhe, die auch trocknen mussten. Dieses Gestell wussten wir alle sehr zu schätzen.
Bilder von allerlei Tieren aus unseren heimischen Gefilden schmückten die Wände.
Mir hatte es im Besonderen ein wunderbar kolorierter Fuchs angetan und ich konnte oft kein Auge von ihm wenden. Die große schwarze Tafel, die eine Hälfte mit grünen Linien, wartete nur darauf, von mir – mehr oder weniger gut lesbar - beschrieben zu werden, was ich, wenn auch manchmal ungern, tat. Neben unserem Klassenzimmer gab es einen Raum, von uns nur die „Apotheke“ genannt.
Vor dem hatten wir alle Respekt, denn wenn wir etwas ausgefressen hatten, mussten wir dort hin und uns unsere „Streicheleinheiten“ abholen. Einen Schüler vor den Augen der anderen zu bestrafen, das gabs bei Stampfl nicht, das absolvierte er in der „Apotheke“ unter vier Augen, wobei wir öfters mehr oder weniger unterdrücktes Wehgeschrei hörten. Aber in der Hauptsache diente der Raum als Aufbewahrungsort für alle möglichen ausgestopften Tiere.- Eichhörnchen, Ziesel, Marder, Kreuzottern und Blindschleichen sowie eine Menge heimischer Vögel, von Raubvögeln, Eulen und Uhus bis zu allen uns mehr oder weniger bekannten Singvögeln aller Art gaben sich dort ein Stelldichein. Abgesehen von einer großen Anzahl von getrockneten Pflanzen aus unserem schönen Wald und dem weit bekannten Hochmoor, getrockneten Vogelbeeren sowie Heidel u. Preiselbeeren gab es noch einige Gestelle für Lehrtafeln und Rollbilder, die wir öfters ins Klassenzimmer holen mussten, wenn uns Stampfl etwas aus der großen, weiten Welt zeigen wollte.
Zwei Räume für den Unterricht, das war alles, was nötig war.
Dadurch, dass Mädchen und Buben in einem Raum zusammen unterrichtet wurden, war die Atmosphäre ziemlich aufgelockert und teilweise auch sehr lustig und das nutzten wir Jungs natürlich reichlich aus. Was wir den Mädchen für Streiche spielten, war schon enorm.
Z.B. brachten mein Bruder und ich eines Tages eine größere Anzahl von Feldmäusen mit in die Klasse, wo wir sie dann aus ihrem Gefängniskarton entließen. Als die kleinen Nager dann ängstlich durch den Klassenraum flitzten, brach eine mittelschwere Hölle los.
Die Mädchen sprangen, bis auf wenige Ausnahmen, auf die Bänke und schrieen aus vollem Hals.
Es dauerte eine ganze Weile, bis Stampfl wieder Ordnung in den Raum gebracht und die Schuldigen ermittelt hatte. Logischerweise sahen mein Bruder und ich anschließend die „Apotheke“ von innen. Sehr beliebt bei unseren Streichen waren auch die Tintenfässer, die in vierfacher Ausfertigung in jeder Bank vorhanden waren. Jeder von uns Lausbuben schätzte sich glücklich, wenn in der Bank vor ihm ein Mädchen mit Zöpfen saß - und vielleicht sogar, was aber selten war, mit blonden. Die brauchte sich dann nicht zu wundern, wenn sie mit einem am Ende schwarzem Zopf nach Hause gehen musste . Im Herbst, wenn die Hagebutten reif waren, sammelten wir die schönen, roten Früchte und holten aus ihrem Inneren die kleinen Körnchen, die wir als Juckpulver den Mädchen, aber auch uns gegenseitig in den Nacken produzierten. Das war ein Riesenspaß für uns. – Kurz gesagt, wir ließen keine Schandtat an den armen Mädchen aus.
Man kann sich ja vorstellen, dass die Streiche den Mädchen nicht gefielen und sie auf jede nur erdenkliche Art zurückschlugen, was die Bubenschar auf der Gegenseite oft sauer aufstieß. So mancher von uns ging dann mit einer Beule oder mit einer witzigen Zeichnung auf seiner Jacke nach Hause, wo dann die Familie über ihn lachte. Also, wie schon vermerkt, das Leben in unserer alten Schule war alles andere als langweilig. In den letzten zwei Kriegsjahren schlief der normale Schulunterricht immer mehr ein, wir bekamen Aufgaben für zu Hause mit, die dann später von Stampfl geprüft, korrigiert und benotet wurden. Ab und zu, aber nur selten, machten wir auch mal einen Ausflug ins Grüne, von Stampfl als Naturkundeunterricht deklariert. Anschließend gab es dann eine Diskussion darüber, was wir an diesem Tag gesehen hatten und woher die blauen Augen und die blutigen Nasen, die man bei etlichen sehen konnte, gekommen waren.
Im Winter veranstalteten wir so manche Schneeballschlacht oder kämpften auf dem Schulteich beim Eishockey verbissen gegeneinander. Die Sieger wurden dann belohnt in Form von Lebensmittelmarken, die ab und zu großzügigerweise von der N.S.D. A.P. spendiert wurden, aber im Großen und Ganzen tat sich, abgesehen von den obligatorischen Raufereien untereinander, nicht viel.
Dafür passierte in unserem privaten Lebensbereich umso mehr.
Die Luftangriffe der Amis und Engländer wurden immer häufiger und wir mussten uns oft irgendwo in Deckung bringen, denn die schossen sogar auf einzelne Personen.
Schließlich wurde die Schule, überwiegend aus diesem Grund, komplett geschlossen, denn Stampfl wollte es keinem von uns zumuten, unter diesen Umständen noch zum Unterricht zu kommen.
Und so endete für mich, mehr oder weniger sang und klanglos, die Schulzeit, was mich doch etwas traurig stimmte.
Eduard F. Hahn
Unvergessene Osterzeit
Auf die Osterzeit freuten sich mein Bruder und ich ganz besonders und konnten es kaum erwarten, bis es so weit war. Mutter hatte schon Tage vorher Erde in alte Blechdosen von der Heringsfabrik Kalla gefüllt und Hafer darüber gestreut. Nun standen die Büchsen auf der Fensterbank, wo sie Licht und etwas Sonne abbekamen und wir Kinder mussten natürlich jeden Tag kontrollieren, ob sich nicht bald das erste Grün zeigte. Es dauerte auch gar nicht lange, dann waren die alten Büchsen mit dem schönen, saftigen Grün ein Blickfang für uns alle und warteten nur darauf, fertiggestellt zu werden. In das jetzt schon etwas höhere Gras kamen kleine bunte Schokoladeneier, ( sofern vorhanden), Osterhasen und Küken aus Pappe. Die alten Blechdosen selbst wurden, damit man den Rost nicht mehr sah, mit grünem Krepppapier aufgemotzt. Auf dem Kachelofen kochte schon das Wasser mit den Zwiebelschalen, durch die unsere Eier die schöne rotbraune bis dunkle Farbe, je nach Kochdauer, bekommen sollten. Beim Nittnerkaufmann holten wir kleine Tütchen mit Eierfarben, die Mutter in Töpfe mit kochendem Wasser gab, dann kamen die Eier hinein und wurden gekocht. Als wir sie schließlich herausholten, waren sie zwar noch heiß, aber schon fertig fürs polieren. Dafür hatte uns Mutter ein Stück Speckschwarte gegeben und nun machten wir uns an die Arbeit. Jetzt glänzten sie schön in verschieden abgestuften Farben.
Am Bach hatten wir Weidenruten geschnitten, die uns Mutter zu schönen Peitschen flocht, mit einer großen Schleife oben dran. Nun bekamen wir jeder ein großes Kopftuch, das zusammengebunden wurde und uns als Tragetasche für die Ostergeschenke, die wir zu erhalten hofften, dienen sollte.
Damit gingen wir dann, wie andere Kinder auch, „aufpeitschen“, das heißt, wir gingen von Haus zu Haus und sangen das altbekannte Lied: „Rute, rute Eier raus, rickt mer när en Toler raus, losst mich net ze long do stieh, muss e Haisl wetter gieh.“ Wenn die Leute mit unserem Gesang zufrieden waren, gab es bunte Eier, Schokoladenhasen, Lämmchen aus Schokolade oder manchmal sogar ein paar Heller.
Natürlich musste ich auch meinen Taufpaten, den Korbflechter Peinelt, aufsuchen und mein Sprüchlein aufsagen, wofür ich dann einige Sachen in mein Körbchen und 50 Heller, manchmal sogar eine Krone, sozusagen als Krönung, bekam. Wir Zwei waren sehr stolz, wenn wir dann nachmittags mit unseren gut gefüllten „Tragetaschen“ wieder zu Hause eintrafen und den Inhalt auf dem ramponierten Küchentisch ausbreiteten. Oft hatten wir Bauchschmerzen, weil wir zu viel gekochte Eier und vielleicht auch noch ein paar Schokoladehasen gefuttert hatten, aber es dauerte nicht lange, dann waren unsere Bauchschmerzen wieder vergessen.
Als dann der Krieg weiter fortschritt, schlief dieser schöne Brauch leider ein, was wir aber, bedingt durch die Ereignisse, gar nicht so sehr bemerkten. - In unserer Kirche hatte unser Pfarrer mit seinen Helfern das Grab Christi aufgebaut und am Sontag wurde die Ostermesse zelebriert, an der ich auch zweimal als Ministrant teilnahm. Die Prozession, die sich im Schnee durch die Stadt bewegte, war ziemlich lang.
Nun dauerte es nicht mehr lange und die Weiden am Bach schmückten sich mit ihren Kätzchen, auf den Wiesen waren die ersten Sumpfdotterblumen und Krokusse zu sehen und auf einmal war es April. Ab und zu schneite es noch mal ein wenig, doch das war nur das letzte Aufbäumen des Winters. Aber schließlich hatte er doch verloren und der Frühling kam.
Eduard F. Hahn
Der Leierkastenmann und sein entwischtes Äffchen
Auf den Spätsommer freuten wir uns alle uns ganz besonders, denn da fand immer in allen grösseren Orten der traditionelle Jahrmarkt statt. Da es diese Märkte nur einmal im Jahr gab, waren sie natürlich sehr beliebt und dementsprechend gut besucht. Karussell, Schiffschaukel, Kettenflieger, Buden, wo man auf Blechbüchsen werfen konnte, Luftgewehrstände u. s. w, das alles konnte man auf einem solchen Markt finden.
Auch ein Kasperletheater und eine Wahrsagerin gab es. Stände, an denen man Honig, Süssigkeiten, saure Gurken aus Znaim und noch viele andere Sachen kaufen konnte, reihten sich aneinander und bildeten richtige Gassen, durch die wir Kinder, doch auch viele Erwachsene dann
mit grossen Augen und leerem Bauch flanierten und all diese Herrlichkeiten bestaunten.
Natürlich waren auch mein Bruder Fritz und ich inklusive unserer Freunde anwesend. Wir hatten von Mutter etwas Geld bekommen und das musste natürlich jetzt unter die Leute gebracht werden. Grossmutter hatte mir - als ihrem Lieblingsenkel - ein paar Münzen extra zugesteckt, sodass mein Bedarf an Honig und ein par Fahrten auf dem Kettenflieger gesichert waren. Auf dem Markt herrschte ein quirliges Leben und Treiben, die meisten der Besucher waren gekommen, um etwas zu kaufen oder Bekannte zu treffen und sich zu unterhalten. Jetzt hatten sie die beste Gelegenheit dazu.
Doch in diesem Jahr gab es eine besondere Attraktion:
Aus Komotau war ein Leierkastenmann gekommen und hatte sich auf dem Markt etabliert. Auf einem Untergestell mit gummibereiften Rädern thronte sein ganzer Stolz: Der Leierkasten.
Das war vielleicht ein tolles Ding: wunderschön, mit grossen Schalllöchern für die Töne, die da herauskamen, das Gehäuse war bestimmt von Hand gefertigt, mit sehr schönen bunt bemalten Schnitzereien. Ausserdem hingen noch ein paar Fuchsschwänze sowie etliche Luftballons an dem Kasten. Ein tolles Gerät. Doch der Clou des Ganzen war etwas anderes:
Ein kleines Tier, das oben auf dem Leierkasten sass: Ein Affe, der nach dem Takt der Musik - mehr oder weniger taktmässig - zwei kleine Messingscheiben bearbeitete. Dabei verzog er sein Gesicht und machte so lustige Grimassen, dass viele Leute stehen blieben und dem Mann ein paar Münzen in seinen Korb warfen, damit sie dem Äffchen eine Weile zugucken konnten. Eine ganze Weile schaute und hörte auch ich dem Musiker und seinem Affen zu, bis es mich wieder zu einer anderen Attraktion, der Schiffschaukel, trieb. Und anschliessend musste ich ja auch noch an meinen heissersehnten Honigstand. - Doch plötzlich erscholl lautes Geschrei auf dem Markt und viele Leute begannen in eine bestimmte Richtung zu laufen. Und in dieser Richtung befand sich, das wusste ich genau, der Leierkastenmann mit seinem Äffchen.
Dann hörte ich einzelne Leute rufen: Der Aff´ ist los und läuft auf dem Markt herum und wer ihn einfängt, bekommt vom Besitzer eine Belohnung. Natürlich waren nun viele Leute, besonders die Kinder, hinter dem Tier her, doch das liess sich nicht so leicht fangen. Es sprang von einer Bude zur anderen, spielte den Besitzern derselben allerhand Streiche und brachte alles in helle Aufregung. Jetzt wäre es mir recht gewesen, wenn mein Bruder Fritz in der Nähe gewesen wäre, denn mit seiner Hilfe wäre es uns vielleicht gelungen, den Ausreisser einzufangen und die Belohnung zu kassieren. Doch im Moment war von ihm nichts zu sehen, also machte ich mich auf die Suche nach ihm. Endlich entdeckte ich ihn in der Gruppe der Verfolger, die am lautesten schrie.
Als er mich sah, kam er zu mir gerannt und lachte :" Hab ich das nicht gut gemacht, guck doch mal, was jetzt für eine Stimmung unter den Leuten herrscht, fast jeder ist auf der Jagd nach dem Affen. Aber ich glaube, so schnell werden sie den nicht erwischen." " Also hast du das Tier freigelassen, - ich hätte es wissen müssen " sagte ich zu ihm, " was denkst du dir eigentlich dabei, dem armen Mann so einen Streich zu spielen". Doch er lachte nur und meinte, schliesslich sei dem Tier ja nichts passiert und wenn es wieder eingefangen sei, wäre doch alles wieder in Ordnung. Ich fragte ihn, wie er es eigentlich geschafft habe, das Tier freizulassen. Worauf er mir erklärte, dass dies gar nicht so schwer gewesen sei. Er hätte den Leierkastenmann nur etwas ablenken müssen, den Karabinerhaken der Kette lösen - " und schon war´s passiert." Mittlerweile war es einigen jungen Leuten gelungen, das Äffchen einzufangen und dem Besitzer zurückzubringen, der ihnen dann - ehrlich wie er war, - die Belohnung übergab.
Hätte es damals Bananen bei uns gegeben, wäre die Jagd bestimmt nicht so schwer gewesen, doch nun war es ja geschafft. Nur einer lachte immer noch und freute sich wie ein Schneekönig, - mein Bruder.
Dies war nur einer der vielen Streiche, die er allein oder mit mir ausheckte und die ich nie vergessen kann.
Eduard Hahn
Was fliegt denn da?
Als wir in Reischdorf auf dem Bahnwärterhaus, von allen nur das Wächterhaus genannt, wohnten, tummelten sich nicht nur unsere geliebten Stallhasen, sondern auch einige Hühner, eine Ziege und jedes Jahr zwei Gänse in unserem Stall. Meine Brüder Fritz, Alois und ich hatten dafür zu sorgen, dass für die Viecher immer genügend frisches Futter vorhanden war.
Wir waren also viel unterwegs, rupften Gras, Löwenzahn und andere saftige Pflanzen, damit die armen Viecher keinen Hunger leiden mussten.
Oft hatten wir auch eine Sichel dabei, denn wie mein Bruder Fritz meinte: "Man kann nie wissen, was man unterwegs noch so findet. Damit meinte er die Hafer - u. Gerstenfelder, die sich rings um das Dorf erstreckten und auf denen wir öfters (mit Schiss in der Hose) plünderten.
Denn sehr oft war unsere Ausbeute an Futtermaterial nicht so berauschend und wir mussten sie etwas aufbessern. Außerdem wussten wir, dass Körnerfutter bei all unseren Tieren sehr beliebt war. Eines Tages waren wir wieder mal unterwegs, als Fritz zu meckern anfing. "Dieses ewige Futterholen hängt mir langsam zum Hals heraus. Die blöden Viecher sitzen den ganzen Tag im Stall oder rennen im Hof herum, tun nichts und werden von uns verwöhnt und fettgefüttert. Vor allem die Gänse. Und da ist mir eine Idee gekommen. Was hältst du davon, für die zwei Faulpelze mal einen kleinen Wettflug zu veranstalten, damit sie etwas Bewegung bekommen und nicht den ganzen Tag im Stall hocken oder im Hof herumlatschen?"
Eine schöne Startrampe haben wir ja. Wir stellen uns auf die Eisenbahnbrücke und lassen sie von dort starten, dann können sie über das ganze Dorf fliegen und haben den Berg hinunter einen schönen, langen Flug vor sich." Mir gefiel seine Idee ganz gut, vor allem würden wir Spaß dabei haben. Jeder eine Gans unter dem Arm marschierten wir also auf die Brücke, die sich gleich neben dem Wächterhaus befand, warfen die Vögel in die Luft und sahen zu, wie sie elegant starteten. Mit kräftigen Flügelschlägen flogen sie talabwärts in Richtung Pressnitz und schon bald konnten wir sie nur noch als kleine Punkte erkennen. Jetzt bekamen wir es doch mit der Angst, die zwei nicht mehr zu finden und so rannten wir los, die Strasse hinunter, unserem Weihnachtsbraten hinterher. Natürlich waren wir viel langsamer als die Zwei und so kam es, dass wir bis kurz vor Pressnitz laufen mussten, bis wir auf den Wiesen vor der Stadt eine größere Anzahl von Gänsen beim Fressen sahen. Atemlos und für den Moment fix und fertig warfen wir uns ins Gras und verschnauften erst mal. Und was nun, eine Gans sah wie die andere aus. Wie sollten wir jetzt unser Eigentum aus der Herde herausfinden? Das waren meine Überlegungen. Doch mein Genie von Bruder hatte für diesen Fall vorgesorgt: Er hatte vor dem Flug den Beiden, unbemerkt von mir, einfach eine kleine Glatze geschnitten, sodass wir sie relativ einfach unter den anderen Tieren herausfinden konnten. Relativ einfach ist natürlich leicht gesagt, denn jedes Mal, wenn wir uns der Gänseschar näherten, rannten sie vor uns weg und wir hinterher. Zwei-dreimal landete ich auf dem Bauch, weil ich mich auf ein Tier warf und dieses mir wieder entkam. Doch endlich, nach einer geraumen Zeit, hatten wirs doch geschafft , die Viecher einzufangen. Kurz und gut, mit den Vögeln unter dem Arm machten wir uns auf den Heimweg. So leicht war das gar nicht, denn die Tiere hatten die große Freiheit erlebt und wollten gar nicht heim. Mit ihren Schnäbeln zwickten sie uns in Ohren und Nase und wer schon mal von einer Gans gebissen wurde, weiß, wie weh das tut. Ab und zu bekamen sie auch mal einen Flügel frei und schlugen damit wie blöd um sich. Dann hatten wir ganz schön zu kämpfen, um die Biester festzuhalten. Auf jeden Fall stank mir die Sache gewaltig, deshalb ließ ich meine Gans ganz einfach frei und trieb sie nur mit einer Rute, die ich mir von einem Gebüsch besorgt hatte, vor mir her. Als mein Bruder sah, dass das funktionierte, machte er es mir nach. Trotzdem war es ein langer und mühseliger Heimweg. Als wir dann endlich zu Hause angekommen waren und die Viecher in den Stall getrieben hatten, kam auch schon Mutter angelaufen und wollte wissen, was wir mit ihren Lieblingen angestellt hätten. Nachdem wir ihr die Sachlage erklärt hatten, gab es erst mal ein paar saftige Ohrfeigen und natürlich eine Menge Ermahnungen, für die wir aber nicht besonders offene Ohren hatten. Auf jeden Fall waren wir an diesem Tag reichlich bedient. Der weite Weg bis Pressnitz und dann mit den sich heftig wehrenden Viechern wieder zurück hatte uns doch ganz schön geschlaucht. Für diesen Tag war unser Soll an Abenteuern erfüllt. Am Abend musste ich herzlich über meinen Bruder lachen, als er sich auf die Brücke stellte und mit wedelnden Armen den Start der Zwei nachmachte. "Trotz allem hat es aber doch einen Riesenspaß gemacht, oder etwa nicht" ? meinte er.
Typisch Fritz - trotz aller Mühe noch darüber zu lachen.
E. F. Hahn
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Mit Grossmutter auf „Hamsterfahrt“
Eine schlimme Zeit war das damals nach dem Krieg, es gab nur sehr wenig zu essen und der Grossteil der Leute hungerte. Die Bauern auf dem Land hatten eine fette Zeit, denn sehr viele Leute kamen zu ihnen mit dem wenigen für sie Wertvollem, das sie noch besaßen, um es gegen Lebensmittel einzutauschen. Viele von den Bauern saßen auf ihren fetten Hintern wie die Spinne im Netz und warteten auf die hungrigen Leute, um ihnen auch noch das Letzte abzunehmen. Auch bei uns, im ehemaligen Flakbunker, in den man uns eingewiesen hatte, war es wieder mal so weit,- es war nichts mehr zu essen im Haus. Mutter war ganz verzweifelt,- es war einfach nichts mehr da.
„ Was soll ich denn kochen, wenn ich nichts mehr habe, alle lamentieren mir die Ohren voll, dass sie Hunger haben und ich hab nichts,“ jammerte sie. „ Die Buttermarken, für die wir beim Bäcker ein Maisbrot bekommen könnten, sind auch alle, jetzt haben wir noch nicht mal mehr ein paar Kartoffel im Haus“, meinte sie.
„ Ja, da wird uns wohl nichts anderes übrig bleiben, als wieder mal auf Fahrt nach Bayern zu gehen“, erklärte Grossmutter. Als ich das hörte, freute ich mich im Stillen schon sehr, denn nichts war mir in dieser Zeit lieber als so eine Fahrt. Vor allem, weil wir nach Bayern fahren wollten. In der Umgebung von Mörfelden hatten mein Bruder und ich über Monate hinweg schon alle Höfe abgeklappert, mit mehr oder weniger Erfolg, jetzt war es an der Zeit, mal woanders hinzufahren. Was das anbetraf, waren die Bauern in Bayern doch noch freigiebiger als die in Hessen und man konnte damit rechnen, mit einigen Lebensmitteln nach Hause zurückzukommen. „Vielleicht haben wir ja Glück und bringen ein paar Eier, eventuell sogar etwas Butter nach Hause, und Quark und Kartoffeln werden wir auf jeden Fall bekommen“ meinte Grossmutter. Deshalb wurde beschlossen, dass wir in den nächsten Tagen wieder mal, wie schon öfters, zu einer Fahrt, dieses mal nach Franken, aufbrechen sollten. Mutter hatte von den Amis, für die sie wusch und bügelte, ein paar Schachteln Zigaretten, Lucky Strikes und Camel, bekommen.
Die gab sie Grossmutter mit, zum Eintauschen gegen Kartoffel etc. Die Fahrkarten hatten wir uns schon besorgt und so ging es denn kurz darauf, an einem Samstag,- denn nur zum Wochenende war das für mich möglich, - auf grosse Fahrt. Vater hatte uns für diese Zwecke einen kleinen, zweirädrigen Wagen gebaut, auf dem ich die Kartoffeln, - wenn wir denn welche bekommen sollten, - leichter transportieren konnte. Im Zug ging es erst mal darum, einen Sitzplatz zu ergattern, wobei ich als junger Kerl meistens das Nachsehen hatte. Aber die Hauptsache war, dass Grossmutter einen Sitzplatz hatte, wo sie ihr geliebtes Pfeifchen anstecken konnte. Wie immer war die Fahrt schön und es machte mir nichts aus, zu stehen.
Der Frankfurter Hauptbahnhof war von den Luftangriffen der Amerikaner noch ziemlich zerbombt und so mussten wir mit der Strassenbahn zum Südbahnhof fahren. Dort stiegen wir dann in den Zug nach Würzburg und nun begann - für mich - eine schöne Fahrt. Während unser Zug dahin rollte, sah ich wieder mal, wie schon öfter, was der Krieg angerichtet hatte. Überall Trümmer, Ruinen, zerbombte Ortschaften. Von den meisten Gebäuden standen nur noch die Kamine, evtl. einige Mauern. Und überall Menschen, die, mit einem Sack oder einer alten Tasche ausgerüstet, unterwegs waren, um etwas Essbares aufzutreiben. Während wir so dahinfuhren, merkte ich, dass auch ich ganz schön Kohldampf hatte. Grossmutter meinte, dass sich das bald ändern würde. Sowie wir an unserem Ziel angekommen seien, würde sie dafür sorgen, dass ich was zwischen die Zähne bekäme.
Nach drei, vier Stunden Fahrzeit waren wir in der Nähe von Gunzenhausen, unserem diesmaligem Ziel angekommen. Grossmutter erzählte mir, dass die Leute in dieser Gegend sehr religiös und streng katholisch seien, ich sollte also mein freches Mundwerk halten und sie nur machen lassen. Gleich im ersten Hof, den wir betraten, legte Grossmutter der Bäuerin die Karten und klärte sie über ihre Zukunft auf. Die Frau war ganz begeistert von der Vorhersage und spendierte uns ein gutes Mittagessen. Ausserdem gabs noch ein Stück Butter und ein paar Eier.
Grossmutter nörgelte so lange an der Frau herum, bis sie auch noch ein Stück geselchtes Fleisch herausrückte.
In der Zwischenzeit hatte der Bauer einen halben Sack Kartoffel an der Haustür abgestellt, die wir auch noch mitnehmen sollten. Es war ein voller Erfolg geworden und das alles für ein bisschen Kartenlegen.
Als wir dann von Haus zu Haus weitergingen, merkten wir, dass sich die Sache mit der Kartenlegerin schon herumgesprochen hatte, denn wir wurden immer öfter in die Häuser gebeten, wo dann Grossmutter ihre Karten auspacken musste. Und ich sass, vollgefressen und mehr als zufrieden, dabei und hörte mir an, was Grossmutter den Leuten so erzählte. Es klingt zwar komisch, aber meistens stimmte alles, was sie den Frauen so weissagte.
Ich staunte immer wieder, wenn sie ihnen von Ereignissen, die sich in deren Familien ereignet hatten, erzählte.
Die Leute kamen aus dem Staunen nicht heraus und waren ganz begeistert von Grossmutter und ihrer Gabe.
Als es Abend wurde, war Grossmutter zwar fix und fertig, aber es hatte sich für uns mehr als gelohnt.
Wir hatten zwei Säcke Kartoffeln, eine schöne Portion Eier, ein Stück Selchfleisch, reichlich Quark, einige selbstgemachte Käse, sogar etwas Butter und ein grosses Bauernbrot erbeutet.
Ausserdem hatte ich mich so vollgefressen, dass es mir schwerfiel, mich noch zu bewegen.
Für mich war es allerhöchste Zeit, in der Scheune, wo wir schlafen durften, ins Stroh zu kriechen.
Nun mussten die guten Sachen nur noch nach Hause gebracht werden. Und das konnte kompliziert werden.
Am nächsten Tag fuhr ich mit meinem Wägelchen erst mal die Kartoffel zum Bahnhof und gab sie dem Stationsvorsteher in treue Obhut. Dann holte ich Grossmutter und den Rest der wertvollen Sachen von dem Bauern, bei dem wir übernachtet hatten ab und brachte Beides zum Bahnhof. Als der Zug, der uns wieder nach Hause bringen sollte, eingelaufen war, brachte Grossmutter ihre Schätze im Abteil unter, während ich mit meinen zwei Säcken Kartoffeln, die ich am Waggonende zwischen den Puffern unterbringen und befestigen musste, beschäftigt war. Bei diesen Fahrten suchte ich mir immer einen Waggon mit einem Bremserhäuschen aus, in das ich mich während der Fahrt setzen und die Fahrt geniessen konnte. Ausserdem – und das wusste ich aus Erfahrung, - hatten diese Waggons ein breites Brett über den Puffern, auf dem ich meine Säcke gut unterbringen und festbinden konnte. Die Rückfahrt in meinem Bremserhäuschen war richtig gemütlich. Niemand trat mir auf die Füsse oder machte mir meinen Sitzplatz streitig, nein, ich war mein eigener Herr. Bis wir zu Hause ankamen, hatte ich allerdings einige der Eier ausgesoffen und auch ein tüchtiges Stück von dem guten Bauernbrot verdrückt.
Aber, was sollte es – ich hatte dafür ja auch ganz schön gearbeitet. Auf dem Bahnhof in Mörfelden angekommen, lief ich erst mal schnell nach Hause, um Hilfe zu holen. Vater und mein Bruder Fritz kamen mit, um all die feinen Sachen nach Hause zu bringen. Mutter war überglücklich, denn nun konnte sie endlich wieder etwas auf den Tisch bringen und musste sich nicht mehr mein und das Gejammer meiner Geschwister anhören.
Viele Jahre sind seitdem vergangen, aber diese Fahrten mit meiner lieben Grossmutter habe ich nie vergessen und sie werden mir immer in Erinnerung bleiben.
E.F.H.